Lyon – Januar 1926 (In Arbeit)
Thesenentwurf der Linken zum III. Parteitag der PCd‘I (Kommunistische Partei Italiens)
INHALT
Vorbemerkung
I. Allgemeine Fragen
- Grundsätze des Kommunismus
- Das Wesen der Partei
- Aktion und Taktik der Partei
II. Internationale Fragen
- Gründung der III. Internationale
- Wirtschaftliche und politische Weltlage
- Arbeitsweise der Internationale
- Organisationsfrage
- Disziplin und Fraktionen
- Taktische Fragen bis zum V. Kongress
- Fragen der „neuen Taktik“
- Gewerkschaftsfrage
- Agrarfrage
- Nationale Frage
- Russische Fragen
III. Italienische Fragen
- Die Lage in Italien
- Die politische Strömung der kommunistischen Linken
- Tätigkeit der linken Parteiführung
- Beziehungen zwischen der italienischen Sinistra und der Komintern
- Der Ordinovismus als Tradition der jetzigen Parteiführung
- Die politische Tätigkeit der jetzigen Parteiführung
- Gewerkschaftsarbeit der Partei
- Tätigkeit der Partei in der Agrar- und der nationalen Frage
- Die Organisationsarbeit der Parteiführung
- Tätigkeit der Parteiführung in der Frage des Fraktionismus
- Entwurf des Arbeitsprogramms der Partei
- Perspektiven der innerparteilichen Situation
Anhänge
Anhang 1: Erklärung auf der 1. Plenarsitzung des Parteitages
Anhang 2: Rede vor der politischen Kommission
Anhang 3: Für die Nichtteilnahme an den Zentralorganen der Partei
Anhang 4: Erklärung im Namen der „Linken“
Anhang 5: Auszug aus: Der Kommunismus und die nationale Frage
Vorbemerkung (1)
Ein Dokument wie dieses kann ein gewisses Missverhältnis zwischen den verschiedenen Teilen schwerlich vermeiden, da sich bestimmte Themen und Punkte im Verlauf der Diskussion als dringlicher erwiesen als andere gleich wichtige, die etwas in den Hintergrund rückten. Um das Denken der Gruppe von Gefährten, die die vorliegenden Thesen verfasst hat, wobei auf andere bereits bekannte Texte Bezug genommen wurde (wenngleich sie heute nicht für alle leicht zugänglich sind), möglichst vollständig darzulegen, halten wir es für sinnvoll, zunächst auf einige Dokumente zu verweisen, die der gleichen Richtung angehören und hier bekräftigt und verteidigt werden:
- Thesen von Rom, auf dem II. Parteitag der PCd‘I (2) am 26.3.1922 angenommen. Der dem Parteitag vorgelegte Text ist veröffentlicht worden in: Il Comunista vom 31.12.1921, Nr. 67; Ordine Nuovo vom 03.01.1922, Nr. 2; Il Lavoratore vom 05.02.1922, Nr. 4960; Rassegna Comunista vom 30.01.1922, Nr. 17. Die wenigen Änderungen, die der Parteitag am ersten Text vorgenommen hatte, wurden veröffentlicht in: Il Comunista vom 04.04.1922, Nr. 95; Il Lavoratore vom 05.04.1922, Nr. 5014; Ordine Nuovo vom 06.04.1922, Nr. 96, Rassegna Comunista vom 31.07.1922, Nr. 26. (3)
- Thesen zur Taktik der Kommunistischen Internationale, vorgelegt auf dem IV. Kongress der Kommunistischen Internationale. Veröffentlicht in: Stato Operaio vom 06.03.1924, Nr. 6.
- Aktionsprogramm der Kommunistischen Partei Italiens (PCd’I), vorgelegt auf dem IV. Kongress der KI (4). Veröffentlicht in Stato Operaio, gleiche Nummer
- Antrag und Thesen, auf der nationalen Konferenz (beratend) der PCd‘I im Mai 1924 [in Como, 18. Mai 1924] angenommen. Veröffentlicht in Stato Operaio vom 18.03.1924, Nr. 16.
- Thesen zur Taktik der Kommunistischen Internationale, vorgelegt auf dem V. Kongress der KI. Veröffentlicht (in französischer und deutscher Sprache) im Bulletin des Kongresses vom 08.07.1924, Nr. 20.
I. Allgemeine Fragen
1. Grundsätze des Kommunismus
Die theoretischen Eckpfeiler der Kommunistischen Partei sind die des Marxismus, auf dessen im Kampf gegen die opportunistischen Abweichungen wiederhergestellten Grundlagen sich die III. Internationale gründet. Diese Eckpfeiler sind:
- der dialektische Materialismus als allgemeine Weltanschauung und Geschichtsauffassung;
- die in Marx’ Kapital enthaltenen grundlegenden ökonomischen Theorien als Methode, die bestehende kapitalistische Ökonomie zu erklären;
- die programmatischen Aussagen des Kommunistischen Manifests als historischer und politischer Grundriss für die Emanzipation der Arbeiterklasse der ganzen Welt.
Die großartige, siegreiche Erfahrung der russischen Revolution und das Werk Lenins, des Führers und Lehrers des Weltkommunismus, sind die Bestätigung, die Wiederherstellung und die folgerichtige Entwicklung jener ein System bildenden Grundsätze und Methoden. Wer auch nur einen einzigen Teil davon ablehnt, ist kein Kommunist und kann nicht in den Reihen der Internationale kämpfen. Folglich weist die Kommunistische Partei die Theorien der herrschenden Klasse zurück, von den geistlichreligiösen Lehren, die auf dem Gebiet der Philosophie idealistisch und auf dem der Politik reaktionär sind, bis zu den positivistischen Theorien, den Freidenkern Voltaire‘schen Typs, die in der Politik freimaurerisch, antiklerikal und demokratisch sind.
Gleichermaßen lehnt sie die folgenden politischen Schulen ab, die in der Arbeiterklasse eine gewisse Anhängerschaft gefunden haben: den sozialdemokratischen Reformismus, der die Zusammenarbeit zwischen den Klassen predigt und einen friedlichen Entwicklungsgang, also ohne Waffengewalt, vorsieht, der von der kapitalistischen Macht zur proletarischen Macht führt; den Syndikalismus, der den politischen Kampf der Arbeiterklasse ebenso wie die Notwendigkeit der Partei als höchstem revolutionären Organ geringachtet; den Anarchismus, der die historische Notwendigkeit des proletarischen Staates und der proletarischen Diktatur als Mittel zur Transformation der gesellschaftlichen Ordnung und zur Aufhebung der Klassenspaltung leugnet. Ebenso tritt die Kommunistische Partei den mannigfaltigen Äußerungen des Revoluzzertums (5) entgegen, die, indem sie den oben genannten Strömungen einen kommunistischen Anstrich geben, nur deren Fortbestehen sichern – eine Gefahr, die den heute wohlbekannten Ausdruck „Zentrismus“ trägt.
2. Das Wesen der Partei
Der geschichtliche Prozess der Emanzipation des Proletariats und der Errichtung einer neuen Gesellschaftsordnung geht aus der Existenz des Klassenkampfes hervor. Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf, d.h. er zielt auf die Ergreifung der politischen Macht und die Leitung eines neuen Staatsorganismus.
Daher ist das Organ, das den Klassenkampf zum höchsten Sieg führt, die politische Klassenpartei, das einzig mögliche Werkzeug sowohl der revolutionären Erhebung und dann der revolutionären Regierung. Aus diesen grundlegenden und großartigen Marx’schen Aussagen, die von Lenin nachdrücklich hervorgehoben wurden, geht die Bestimmung der Partei als Organisation all derer hervor, die auf dem Boden unserer Weltanschauung stehen, worin sich die historische Aufgabe der revolutionären Klasse zusammenfasst, und entschlossen sind, für den Sieg dieser Klasse zu wirken. Durch die Partei erwirbt die Arbeiterklasse die Kenntnis ihres Weges und den Willen, ihn zu gehen: Eben deshalb stellt die Partei in den aufeinanderfolgenden Phasen des Kampfes historisch die Klasse dar, auch wenn ihre eigenen Reihen nur einen mehr oder mindergroßen Teil derselben umfassen. Das ist die Bedeutung der Definition der Partei, die Lenin auf dem II. Weltkongress gab. (6)
Dieser Marx’sche und Lenin’sche Begriff der Partei steht im Gegensatz zur typisch opportunistischen Auffassung einer labouristischen oder arbeitertümlerischen Partei, der statutengemäß alle angehören, die ihrer gesellschaftlichen Stellung nach Arbeiter sind. In solchen Parteien, mögen sie zahlenmäßig auch stärker dastehen, können – und in bestimmten Situationen werden – die konterrevolutionären Einflüsse der herrschenden Klasse die Oberhand gewinnen (was sich in der Diktatur von Technokraten und Führern verkörpert, gleich ob diese ihrer Herkunft nach der Arbeiterklasse oder einer anderen Klasse angehören). Marx und Lenin haben deshalb diesen verhängnisvollen Fehler nicht nur theoretisch bekämpft, sondern sind auch praktisch nicht davor zurückgeschreckt, die falsche proletarische Einheit zu brechen, um, auch in Momenten schwindender sozialer Aktivität des Proletariats zumindest durch kleine, am revolutionären Programm festhaltende Gruppen die Kontinuität der politischen Funktion der Partei hinsichtlich der sukzessiven Aufgaben des Proletariats zu gewährleisten. Dies hat sich als der einzig mögliche Weg erwiesen, damit sich zukünftig der größtmögliche Teil der Arbeiter um die Führung und unter dem Banner einer kampf- und zum Sieg fähigen Kommunistischen Partei schart.
Da die jeweiligen Berufs- und Ortsgruppen lediglich dahin drängen, die partiellen, durch die direkten Folgen der kapitalistischen Ausbeutung bestimmten Bedürfnisse zu befriedigen, vermag eine immediatistische (7) Arbeiterorganisation den politischen, daher revolutionären Aufgaben nicht gerecht zu werden. Erst wenn eine politische, durch den politischen Beitritt ihrer Mitglieder gekennzeichnete Partei an der Spitze der Arbeiterklasse eingreift, verdichten sich jene partikulären Antriebe immer mehr zu einer gemeinsamen Auffassung und zielgerichteten Handlung, wodurch die Einzelnen und Gruppen befähigt werden, jeden Partikularismus zu überwinden und die Schwierigkeiten und Opfer für den allgemeinen und entscheidenden Sieg der Arbeiterklasse auf sich zu nehmen. Die Bestimmung der Partei als Arbeiterpartei hat bei Marx und Lenin nicht die vulgär-statistische und statutenkonforme, sondern eine historische und zielgerichtete Bedeutung.
Jede Auffassung über die innerparteilichen Organisationsfragen, die auf den labouristischen Parteibegriff zurückgeht, stellt eine schwerwiegende theoretische Abweichung dar und läuft Gefahr, in den Opportunismus abzurutschen, denn sie ersetzt das revolutionäre Weltbild durch das demokratische und misst den utopistischen Systemen ausgeklügelter Organismen mehr Bedeutung bei als der dialektischen Wirklichkeit des Kräftezusammenstoßes der antagonistischen Klassen. Durch eine Organisationsformel kann weder die Gefahr einer Versumpfung der revolutionären Bewegung abgewendet noch die notwendige Kontinuität des politischen Kurses bei Parteiführern und -aktivisten sichergestellt werden. Erst recht nicht durch eine Formel, nach der nur ein „richtiger“ Arbeiter Kommunist sein kann; eine Formel, die, wie eine lange Erfahrung gelehrt hat, in den allermeisten Fällen (ob auf Personen oder Parteien bezogen) widerlegt wurde. Die diesbezügliche Garantie muss anderswo gesucht werden, soll nicht dem grundlegenden marxistischen Postulat widersprochen werden: „Die Revolution ist keine Frage der Organisationsform“ (8), in diesem Grundsatz ist die ganze Errungenschaft des wissenschaftlichen Sozialismus gegenüber den ersten phantastischen Schilderungen des Utopismus zusammengefasst.
Von dieser Auffassung über das Wesen der Klassenpartei muss ausgegangen werden, um die aktuellen und unmittelbaren, situationsbedingten Fragen der inneren Organisation der Internationale und der Parteien zu beantworten.
3. Aktion und Taktik der Partei
Allgemein ausgedrückt beantwortet die Taktik die Frage danach, wie die Partei auf verschiedene Situationen und auf andere Gruppen, Organe und Einrichtungen in der Gesellschaft, in der sie sich bewegt, einwirkt.
Die allgemeinen taktischen Fragen sind in Verbindung mit der Gesamtheit unserer Prinzipien festzulegen; in einem zweiten Schritt sind die konkreten Handlungsmaßregeln für die verschiedenen praktischen Tätigkeitsbereiche sowie die historischen Entwicklungsphasen genau zu bestimmen.
Dadurch, dass sie der revolutionären Partei ihren Platz und ihre Aufgabe in der Palingenese der Gesellschaft zuweist, löst die marxistische Theorie die Frage der Freiheit und Determination in der menschlichen Tätigkeit auf die großartigste Art und Weise. Auf die Abstraktion „Individuum“ angewandt, wird diese Frage noch lange Gegenstand der metaphysischen Kopfgeburten der Philosophen im Dienste der herrschenden und morbiden Klasse sein. Der Marxismus indes beleuchtet die Frage von einer wissenschaftlichen und objektiven Gesellschafts- und Geschichtsauffassung aus.
So wie wir himmelweit von jener Ansicht entfernt sind, nach der ein Individuum, oder das Individuum, nach Belieben und dank einer Art ihm von Gott verliehenen Gabe unerschöpflicher Entschlusskraft auf die äußere Umwelt einwirkt und sie zu formen bzw. zu verformen vermag, so verwerfen wir auch die voluntaristische Auffassung der Partei, wonach ein kleiner, von einem Glaubensbekenntnis beseelter Kreis dieses mit einer ungeheuren Willensanstrengung und einem ungezügelten und heroischen Tatendrang in die Welt trägt und ihr aufzwingt.
Andererseits wäre es eine abwegige und törichte Auslegung des Marxismus anzunehmen, dass uns, weil sich der historische und revolutionäre Prozess nach klaren Gesetzen entwickelt, nichts anderes übrig bliebe, als objektiv, sachlich zu erforschen, welches diese Gesetze sind und zu versuchen, Voraussagen abzugeben, ohne dass auf dem Gebiet der Aktion irgendetwas zu tun bliebe – eine überaus fatalistische Sicht der Dinge, die gleichbedeutend damit wäre, die Notwendigkeit der Existenz und Funktion der Partei zu leugnen.
Der marxistische Determinismus ist kein goldener Mittelweg zwischen diesen beiden Auffassungen, sondern kraft seiner Einzigartigkeit beiden gleichermaßen überlegen. Eben weil sie nicht aprioristisch ist oder sich anmaßt zu behaupten, es gäbe einen einzigen abstrakten Schlüssel für alle Epochen und Gesellschaftsformen, ist die marxistische Lösung dieser Frage dialektisch und historisch.
Auch wenn der heutige Stand der Wissenschaft nur ansatzweise eine Untersuchung über die Gründe individuellen Handels erlaubt, (wobei vom Physischen und Biologischen auszugehen wäre, um zu einer Wissenschaft des Psychologischen zu gelangen), beantwortet sich die Frage doch auf dem Terrain der Gesellschaftswissenschaft, indem man – wie Marx es tat – die Forschungsmethoden der positiven und experimentellen Wissenschaft anwendet, deren Erbe der Marxismus antrat und die nicht zu verwechseln sind mit den Methoden, die die angeblich materialistische und positivistische Philosophie in der Aufstiegsphase der bürgerlichen Klasse anwandte. Wenn – nachdem das Feld von allen überkommenen ideologischen Rückflüssen gereinigt wurde – den wechselseitigen Beziehungen der Individuen durch das kritische Studium der Ökonomie und Geschichte Rechnung getragen wird, kann in einem bestimmten Sinn die Unbestimmtheit in den individuellen Prozessen außer Acht gelassen werden. Von hier aus gelangt der Marxismus zu einem System von Kenntnissen, das kein in alle Ewigkeit geltendes Evangelium ist, sondern ein lebendiges Werkzeug, um die Gesetzmäßigkeiten des geschichtlichen Werdegangs zu erkennen und zu befolgen. Das Fundament dieser Theorie bilden die Marx’schen Entdeckungen über den ökonomischen Determinismus, so dass die Untersuchung der Produktionsweisen und -verhältnisse sowie der Entwicklung der technischen Produktionsmittel die objektive Grundlage liefern, von der aus die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens und in einem gewissen Maße auch die Voraussage der künftigen Entwicklung dargelegt werden können.
Nachdem wir all dies in Erinnerung gerufen haben, ist festzuhalten, dass die entscheidende Lösung nicht darin besteht zu sagen: Da der Universalschlüssel gefunden ist, reicht es, den ökonomischen Phänomenen ihren immanenten Gesetzen folgenden Verlauf nehmen zu lassen, damit eine bestimmte und vorhergesehene Reihe politischer Ereignisse eintritt.
Unsere Kritik spricht nicht so sehr dem, was die Einzelnen (auch wenn sie als Protagonisten der geschichtlichen Ereignisse gelten) für ihre Handlungen halten, jegliche Bedeutung ab, wohl aber den Absichten und Zielsetzungen, die sie glauben ihren Handlungen zugrunde zu legen. Doch gleichzeitig lässt sich nicht abzustreiten, dass ein kollektiver Organismus, wie die Klassenpartei, über Entschlusskraft und Willen verfügt und verfügen muss. In unseren grundlegenden Texten ist die Lösung dieser Frage wiederholt dargelegt worden.
Die Menschheit und ebenso ihre mächtigsten Vereinigungen wie Klassen, Parteien und Staaten nehmen sich fast wie ein Spielball in den Händen der ihnen bis heute zum größten Teil unbekannten ökonomischen Gesetze aus: Diese Vereinigungen haben weder eine theoretische Kenntnis der ökonomischen Prozesse noch die Möglichkeit, sie zu bestimmen und zu lenken. Doch für die in der heutigen geschichtlichen Epoche auftretende Klasse, das Proletariat, und die politischen Vereinigungen (Partei und Staat), die aus ihr hervorgehen müssen, stellt sich die Frage anders. Es ist die erste Klasse, die keinen Grund hat, ihre Machtergreifung durch soziale Privilegien und Klassentrennung abzusichern, um eine neue Klasse zu unterwerfen und auszubeuten. Gleichzeitig ist sie die erste, die befähigt ist, eine Theorie der ökonomischen, historischen und gesellschaftlichen Entwicklung zu formulieren, eben den marxistischen Kommunismus.
Zum ersten Mal also kämpft eine Klasse für die Aufhebung der Klassen überhaupt und für die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, nicht bloß für eine Umwandlung der gesellschaftlichen Eigentumsformen.
Zusammen mit seiner Emanzipation von der heute herrschenden und mit allen Vorrechten ausgestatteten Klasse besteht das Programm des Proletariats in der Befreiung des menschlichen Gemeinwesens von der Versklavung durch die ökonomischen Gesetze, die es erkennt, um diese in einer endlich planmäßigen und wissenschaftlichen Ökonomie zu beherrschen, die dem direkten Eingreifen der menschlichen Tätigkeit unterworfen wird. Aus diesem Grund und in diesem Sinn schrieb Engels, dass die proletarische Revolution „der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“9 ist.
Freiheit hat jedoch nichts damit zu tun, den trügerischen Mythos des Individualismus wieder aufleben zu lassen, der das Ich von den Einwirkungen seiner Außenwelt befreien will, während das Geflecht dieser Einwirkungen in Wirklichkeit immer feinmaschiger wird und sich das Leben des Einzelnen immer weniger vom gemeinschaftlichen Leben loslösen lässt. Nein, die Frage stellt sich hier auf einer anderen Ebene; Freiheit und Wille sind Attribute einer Klasse im Werden eines menschlich einheitlichen Aggregats, das dann nur noch gegen die widrigen Kräfte der äußeren physischen Welt zu kämpfen hat.
Wenn die proletarische Menschheit10, von der wir noch weit entfernt sind, erst frei sein wird und mit einem Willen befähigt ist, der keine gemütsbewegende Illusion, sondern die Fähigkeit ist, die Ökonomie im wietesten Sinne des Wortes zu beherrschen und zu organisieren; wenn die proletarische Klasse einstweilen noch auf ihrem eigenen Handlungsterrain von äußeren Einflüssen determiniert ist, wenngleich weniger stark als
die anderen Klassen, gibt es dennoch ein Organ, in dem sich das Maximum an Willens- und Entschlusskraft für alle Tätigkeits- und Kampfbereiche zusammenballt, nämlich die politische Partei – natürlich nicht irgendeine, sondern die Partei der Arbeiterklasse, die Kommunistische Partei, die durch ein einziges Band mit den höchsten Zielen des historischen Werdens verbunden ist.
Diese Willenskraft in der Partei, ebenso wie ihr theoretisches Bewusstsein und Rüstzeug, sind eine spezifisch kollektive Funktion der Partei. Die marxistische Erklärung der Aufgabe, die in der Partei ihren Führern zugewiesen wird, macht diese zu Werkzeugen und Akteuren, durch die sich die Fähigkeiten, die Ereignisse zu verstehen und zu erklären, das Handeln zu wollen und zu lenken, am klarsten ausdrückt – die Quelle dieser Fähigkeiten bleibt jedoch immer an die Existenz und die Merkmale des kollektiven Organs gebunden.
Das sind die Gründe, weshalb die marxistische Auffassung von der Partei und ihrem Kampf, wie schon gesagt, sowohl dem Fatalismus widersteht als auch vor jeder voluntaristischen Haltung im individuellen Sinn zurückschreckt. Wenn Ersteres dadurch gekennzeichnet ist, den Phänomenen, auf die man nicht einzuwirken weiß, passiv entgegenzusehen und dahin führt, vielleicht nicht die Funktion und Bedeutung der Partei überhaupt zu leugnen, so doch jedenfalls dazu, sie kurzerhand der Arbeiterklasse im rein ökonomisch-numerischen Sinn zu adaptieren, zeichnet sich die voluntaristische Haltung dadurch aus, von jedem Parteimitglied theoretische Klarheit, Willensstärke und Opfergeist, kurz, besonders sittliche, besonders „reine“ Haltungen
zu verlangen. Das Ergebnis dessen ist, die Partei in eine élite zu verwandeln, die sich von der Arbeiterklasse loslöst und über ihr steht. Ebenso wie der arbeitertümlerische Begriff wird der der intellektuellen und moralischen élite verurteilt; beide sind dem Marxismus fremd und treffen sich auf dem Weg, der in den Opportunismus mündet. Die in der vorhergehenden These über das Wesen der Partei angedeuteten Schlussfolgerungen werden so nochmals bekräftigt.
Da die Frage der Taktik auf demselben Boden wie die Frage des Wesens der Partei gefunden wird, ist die marxistische Lösung zu unterscheiden:
- von einer theoretischen Ablösung gegenüber der Realität des Klassenkampfes, die sich mit abstrakter Gelehrsamkeit zufrieden gibt und die konkrete Aktivität hintanstellt;
- vom moralischen Ästhetizismus11, der durch große Taten und die heroische Haltung winziger Minderheiten neue Situationen und historische Bewegungen hervorzubringen sucht;
- vom Opportunismus, der das Gebundensein an die Prinzipien, also an die allgemeinen Ziele der Bewegung außer Acht lässt und um des unmittelbaren, scheinbaren Erfolgs willen für einzelne und beschränkte Forderungen eintritt, unbekümmert darum, ob sie der notwendigen Vorbereitung auf die höchsten Eroberungen der Arbeiterklasse widersprechen oder nicht.
Unfähig, die dialektischen Etappen des wirklichen historischen Verlaufs zu begreifen, leidet die anarchistische Politik sowohl unter theoretischer Sterilität als auch unter der voluntaristischen Illusion, wonach sich gesellschaftliche Prozesse durch das Beispiel und die Opferbereitschaft einiger weniger abkürzen lassen.
Die sozialdemokratische Politik geht sowohl auf eine theoretisch fatalistische Auffassung des Marxismus zurück, wonach die Revolution langsam und von selbst heranreifte, ohne dass sich der proletarische Wille in einer Insurrektion manifestiert, als auch auf einen voluntaristischen Pragmatismus, der auf sofortige Ergebnisse seiner Initiativen und täglichen Interventionen nicht verzichten kann und sich damit begnügt, für Ziele zu kämpfen, die nur dem Anschein nach bestimmten Arbeitergruppen zum Vorteil gereichen. Es geht dann schlicht um der Unternehmerschaft und dem bürgerlichen Staat abgerungene Reformen, Zugeständnisse, partielle Vorteile wirtschaftlicher oder politischer Natur. Statt auf den Sieg des Proletariats hinzuarbeiten wird
so nur der Herrschaftssicherung der bürgerlichen Klasse in die Hände gespielt.
Werden theoretische Bestimmungen der „modernen“ voluntaristischen und pragmatischen Philosophie idealistischer Prägung (Bergson, Croce, Gentile12) künstlich in die Klassenbewegung importiert, bereitet dies nur die opportunistische Durchsetzung neuer reformistischer Phasen vor und kann nicht als Reaktion auf den Reformismus ausgegeben werden, bloß weil dieser formell einen Hang zum bürgerlichen Positivismus aufweist.
Die Parteiarbeit kann und darf sich nicht auf eines von beiden beschränken: entweder die Reinheit der theoretischen Prinzipien und organisatorischen Geschlossenheit zu wahren oder um jeden Preis unmittelbare Erfolge und große Popularität zu erringen. Sie umfasst zu jeder Zeit und in jeder Lage folgende drei Faktoren:
- die grundlegenden programmatischen Postulate, d.h. das theoretische Bewusstsein der Bewegung der Arbeiterklasse, sind in allen neu eintretenden Situationen zu verteidigen und immer genauer zu formulieren;
- die Kontinuität der Organisationsstruktur und Schlagkraft der Partei ist ebenso zu gewährleisten wie ihre Verteidigung gegenüber dem Eindringen von dem revolutionären Interesse des Proletariats fremden und entgegengesetzten Einflüssen;
- an allen auch durch Teilinteressen hervorgerufenen Kämpfen der Arbeiterklasse ist aktiv teilzunehmen, um deren Entwicklung voranzutreiben, wobei die Errungenschaften des Klassenkampfes als Brücken zu den unerlässlichen zukünftigen Kämpfen deutlich zu machen sind und nie die Verbindung mit den höchsten revolutionären Zielen außer Acht gelassen werden darf; ebenso muss vor der Gefahr gewarnt werden, sich nach Teilsiegen zurückzulehnen und sie gegen die Bedingungen der Aktion und Kampflust des Proletariats einzutauschen. Diese bestehen in der Selbständigkeit und Unabhängigkeit seiner Theorie und seiner Organisationen, in erster Linie der Partei.
Das höchste Ziel dieser vielschichtigen Parteitätigkeit besteht darin, die subjektiven Bedingungen für die revolutionäre Vorbereitung des Proletariats zu schaffen, d.h. es zu befähigen, die objektiven revolutionären Möglichkeiten, sobald sie historisch auftreten, zu nutzen, um aus dem Kampf nicht als Geschlagener, sondern als Sieger hervorzugehen.
All dies muss im Auge behalten werden, wenn man die Fragen nach den Beziehungen zwischen der Partei und den proletarischen Massen, zwischen der Partei und den anderen politischen Parteien und zwischen dem Proletariat und den anderen Gesellschaftsklassen klären will. Falsch ist folgende taktische Aussage: Jede wirkliche kommunistische Partei hat in jeder Lage eine Massenpartei zu sein, muss also eine sehr große Mitgliederzahl und breiten politischen Einfluss in der Arbeiterschaft haben, zumindest so viel, dass die angeblichen Arbeiterparteien zurückgedrängt werden. Diese Aussage ist eine Karikatur der These Lenins, der 1921 eine praktische und auf eine bestimmte Situation bezogene vollkommen richtige Losung formulierte, nämlich dass es zur Eroberung der Macht nicht ausreicht, „wahrhaft“ kommunistische Parteien zu haben, die in den entscheidenden Kampf geworfen werden, sondern dass dazu numerisch starke Parteien mit breitesten Einfluss im Proletariat unabdingbar sind. 13 Diese These ist gleichbedeutend mit der Aussage, nach der die Partei in der der Machteroberung direkt vorhergehenden Phase die Massen auf ihrer Seite, sie wirklich erobert haben muss. Gefährlich an dieser Formulierung ist in gewisser Weise nur der Ausdruck Mehrheit der Massen14, denn er setzte und setzt die „buchstabentreuen“ Leninisten der Gefahr sozialdemokratischer Auslegungen sowohl in Bezug auf die Theorie wie auch der Taktik aus. Zum anderen: Auch wenn dies eine vollkommen richtige Auffassung ausdrückt und der praktischen Gefahr vorbeugt, mit ungenügenden Kräften und in noch nicht reifen Momenten „Verzweiflungsaktionen“ durchzuführen, setzt man sich doch – solange nicht gesagt wird, wo man die Mehrheit haben muss, ob in den Parteien, den Gewerkschaften oder in anderen Organen – einer anderen Gefahr aus, nämlich vom Kampf gerade dann abzulenken, wenn er möglich ist und sich gebieterisch aufdrängt, also mit wirklich „leninistischer“ Entschiedenheit und Entschlusskraft aufzunehmen ist.
Dass die Partei am Vorabend des Kampfes um die Macht die Massen auf ihrer Seite haben muss, ist in der törichten Auslegung der heutigen Pseudoleninisten zu einer Formel mit überaus opportunistischem Klang geworden, wenn nämlich behauptet wird, die Partei müsse „in jeder Lage“ eine Massenpartei sein.
Es gibt Situationen, die für die Revolution objektiv ungünstig sind, die hinsichtlich des Kräfteverhältnisses weit von ihr entfernt sind (auch wenn sie zeitlich gesehen weniger weit entfernt als andere sein können, da die historische Entwicklung – wie der Marxismus lehrt – ganz verschiedene Geschwindigkeiten aufweist).
Will man in einer solchen Situation um jeden Preis Massenparteien und vorherrschenden Einfluss auf die Massen haben, lässt sich das nur erreichen, wenn auf die kommunistischen Grundsätze und Methoden verzichtet und eine sozialdemokratische und kleinbürgerliche Politik betrieben wird. Man muss mit Nachdruck sagen, dass das Proletariat in bestimmten Situationen, ob vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen, in seiner Mehrheit zwangsläufig eine Stellung bezieht, in der es sich nicht-revolutionär oder träge verhält, oder sogar, je nach Gegebenheit, mit dem Feind kollaboriert; dennoch und trotzdem bleibt das Proletariat immer und überall die potentiell revolutionäre Klasse und Träger der revolutionären Erhebung, sofern sich die
Kommunistische Partei in seiner Mitte nicht darauf einlässt (und ohne je eine Gelegenheit zu grundsätzlichen Aussagen und Erklärungen auszulassen), den scheinbar leichteren Weg zu gehen. Das verspricht vielleicht sofortige Popularitätserfolge, brächte die Partei jedoch von ihrer Aufgabe ab und nähme dem Proletariat den unerlässlichen Stützpunkt für die Wiederaufnahme seines Kampfes. Auf diesem dialektischen und marxistischen, nie jedoch ästhetischen und moralischen Boden stehend, ist die ungeheuerliche opportunistische Formel rigoros zurückzuweisen, der zufolge eine kommunistische Partei die Freiheit habe, alle Mittel auszuschöpfen und alle Methoden anzuwenden.
Es wird behauptet, gerade weil die Partei wahrhaft kommunistisch ist, also feste Grundsätze hat und organisatorisch gefestigt ist, sind alle Kunstgriffe des politischen Manövers erlaubt; dabei wird aber vergessen, dass die Partei für uns nicht nur Faktor, sondern gleichzeitig Produkt der historischen Entwicklung ist und das Proletariat den Kräften dieser Entwicklung noch stärker ausgesetzt ist als die Partei. Beeinflusst wird das Proletariat nicht durch das, was sich die Parteiführer als Rechtfertigung gewisser „Manöver“ zurechtlegen, sondern durch die tatsächlichen Folgen dieser Manöver, die man vorhersehen können muss, indem aus den bitteren Erfahrungen früherer Fehler gelernt wird. Nicht allein mithilfe theoretischer Glaubensbekenntnisse
oder disziplinarischer Sanktionen wird sich die Partei gegen Entgleisungen schützen, sondern nur, wenn sie auf dem Terrain der Taktik zu handeln weiß und durch genau bestimmte und von allen anerkannte Aktionsregeln verhindert, dass falsche Wege eingeschlagen werden.
Ein weiterer Fehler in der allgemeinen Frage der Taktik, der direkt auf die klassisch opportunistische und von Marx und Lenin zertrümmerte Position zurückgeht, ist folgende Aussage: Natürlich wird die Partei dereinst Faktor der definitiv proletarischen Revolution sein; da sich die Partei aber bewusst ist, dass die Bedinsich, wenn „im Vorfeld“ Klassen- und Parteienkämpfe entstehen, zwischen den zwei gegnerischen Kräften auf diejenige Seite schlagen, die eine bessere Ausgangslage für die allgemeine historische Entwicklung bietet und diese mehr oder minder offen unterstützen und sich mit ihr verbünden.
Die Prämisse einer solchen Politik stimmt erstens deshalb nicht, weil dieses typische Schema einer in allen Einzelheiten festgesetzten gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, das dem definitiven Anbruch des Kommunismus optimal aufeinanderfolgende Phasen vorhergehen lässt, eine ausgesprochen opportunistische Lesart des Marxismus ist und die Basis für alle Kautskys 15 bildet, die russische Revolution und die heutige
kommunistische Bewegung zu diffamieren. Ebenso wenig lässt sich die allgemeine These aufstellen, wonach die besten Bedingungen für eine schlagkräftige Parteiarbeit in bestimmten bürgerlichen Regierungsformen zu finden seien, etwa in den am meisten demokratischen: Wenn reaktionäre und „rechte“ Maßnahmen der bürgerlichen Regierungen das Proletariat in der Tat oft gebremst haben, so haben die liberale und linke Politik den Klassenkampf noch öfter erstickt und die Arbeiterklasse von entscheidenden Kämpfen abgelenkt.
Dem Marxismus entsprechend, der den demokratischen, evolutionistischen und progressiven Zauber der bürgerlichen Epoche gebrochen hat, und also viel genauer bewerten wir diesen Punkt, wenn wir feststellen, dass die Bourgeoisie ihre konterrevolutionären Interessen durch einen Wechsel ihrer Regierungsmethoden und -parteien durchzusetzen sucht, was ihr auch oft gelingt. Unsere gesamte Erfahrung lehrt, dass der Opportunismus immer dann gesiegt hat, wenn er das Proletariat durch die sukzessiven Ereignisse der bürgerlichen Poli-tik in Bann ziehen konnte.
Zweitens, selbst wenn es stimmen würde, dass gewisse Regierungswechsel der weiteren Entwicklung des proletarischen Kampfes nutzen, zeigt die Erfahrung doch zur Genüge, dass dies nur unter einer Bedingung zutrifft, nämlich der Existenz einer Partei, die die Massen frühzeitig vor der Enttäuschung gewarnt haben wird, die auf vermeintlich unmittelbare Erfolge eintreten muss; vor allem aber der Fähigkeit der Partei zum
selbständigen Handeln, und zwar auch schon vor dem Ausbruch des Kampfes, von dem wir sprechen, denn das Proletariat folgt ihr aufgrund ihrer konkreten Haltung und nicht, weil die Partei nach bestimmten Schemata agiert, die offiziell anzuwenden ihr opportun erscheinen. Im Laufe der dem Entscheidungskampf vorhergehenden Gefechte wird die Kommunistische Partei daher keine Aktionen leiten oder Reformen durchsetzen, die die Klasse, deren organischer Ausdruck sie ist, nicht direkt angehen. Ebenso wenig wird sie ihren Charakter und ihre selbständige Haltung gegen eine Art Versicherungsgesellschaft zugunsten aller angeblich „erneuernden“ politischen Bewegungen eintauschen, oder zugunsten politischer Systeme, deren Bestehen das, wie man sagt, „kleinere Übel“ darstelle.
Gegen diese notwendige Aktionslinie wird so oft wie falsch Marx’ Aussage aus dem „Manifest“ ins Feld geführt, nach der die Kommunisten überall „jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände“16 unterstützen, ferner die Lehre Lenins über die „Kinderkrankheit des Kommunismus“. Das Spintisieren in unserer Bewegung über diese Aussagen unterscheidet sich seinem innerem Wesen nach nicht von dem, was Revisionisten und Zentristen seit jeher gemacht haben, wenn sie – ob ihre Führer nun Bernstein17 oder Nenni18 heißen – sich erdreisteten, die marxistischen Revolutionäre im Namen Marx’ und Lenins zu verhöhnen.
Zunächst sind zu jenen Aussagen Marx’ und Lenins zwei Anmerkungen zu machen. Sie beziehen sich, erstens, auf bestimmte historische Situationen: Bei Marx auf das noch nicht bürgerliche Deutschland und bei der von Lenin in seiner Schrift erläuterten bolschewistischen Erfahrung auf das zaristische Russland. Auf diesen beiden Grundlagen allein kann die taktische Frage, wie sie sich in ihrer klassischen Form stellt – d.h. wenn das Proletariat mit einer voll entwickelten kapitalistischen Bourgeoisie im Kampf steht –, nicht gelöst werden. Zweitens: Die Unterstützung, von der Marx, und die „Kompromisse“, von denen Lenin spricht (ein von Lenin bevorzugter Ausdruck, vor allem, um – als großartiger marxistischer Dialektiker – „damit zu kokettieren“, er, der Meister der nicht-formellen, wahren, auf ein unveränderliches Ziel gerichteten Kompromisslosigkeit), sind Unterstützungen und Kompromisse gegenüber Bewegungen, die noch gezwungen sind – möglicherweise sogar gegen die Ideologien und den Willen ihrer Führer –, sich durch die Volkserhebung gegen die alten Formen den Weg zu bahnen. Die Intervention der Kommunistischen Partei zeigt sich hier als Intervention auf dem Boden des Bürgerkrieges: So in den Ausführungen Lenins zur Bauernfrage und zur Nationalitätenfrage, in der Episode Kornilow 19 etc. Aber auch abgesehen von diesen
beiden wesentlichen Feststellungen steht der Sinn der Lenin’schen Kritik der „Kindereien“ und aller marxistischen Texte über die Elastizität revolutionärer Politik mitnichten im Gegensatz zu der von Lenin und allen Marxisten gewollt errichteten Barriere gegen den Opportunismus, welcher von Engels und später von Lenin als „Prinzipienlosigkeit“, d.i. als Preisgabe des höchsten Ziels definiert wird.
Gegen Marx und Lenin wäre es allerdings, die kommunistische Taktik mittels einer formalistischen statt dialektischen Methode zu bestimmen. So wäre es ein ungeheurer Fehler zu behaupten, die Mittel müssten den Zielen entsprechen, wenn man dabei – statt ihrer historischen und dialektischen Aufeinanderfolge im Entwicklungsprozess – eine Analogie oder Ähnlichkeit jener Aspekte im Auge hat, die die Mittel und Ziele aus unmittelbarer, wir würden fast sagen, aus ethischer, psychologischer und ästhetischer Sicht annehmen können. Man darf auf dem Gebiet der Taktik nicht den gleichen Fehler machen, den Anarchisten und Reformisten auf dem Gebiet der Prinzipien begehen: Ihnen erscheint absurd, dass der Aufhebung der Klassen sowie der Staatsmacht durch die proletarische Klassenherrschaft und ihrer Diktatur der Weg bereitet wird, dass die Abschaffung jeder sozialen Gewalt durchgesetzt werden wird, indem die proletarische Macht ihre revolutionäre offensive und defensive Gewalt gegen die der bestehenden Macht einsetzt; ebenso irrig wäre die Vorstellung, nach der eine revolutionäre Partei zu jedem Zeitpunkt den Kampf aufnehmen können müsse, ohne das Kräfteverhältnis in Rechnung zu stellen, oder nach der ein Kommunist jederzeit den unbefris- teten Streik befürworten oder vor solch wenig erhabenen und unsympathischen Mitteln wie der Täuschung und List, der Spionage usw. zurückschrecken müsse. Die Kritik des Marxismus, die Kritik Lenins an den pseudo-revolutionären Plattitüden, die den Weg des Proletariats verpesten, ist von der Anstrengung geprägt, diese dummen und moralischen Kriterien bei der Lösung der taktischen Fragen aus dem Weg zu räumen.
Eine Kritik, die endgültig zum Erfahrungsschatz der kommunistischen Bewegung gehört. Wie diese demnach zu vermeidenden falschen taktischen Folgerungen aussehen, zeigt folgendes Beispiel: Da wir die politische Spaltung der Kommunisten von den Opportunisten durchgesetzt haben, müssen wir
auch die Spaltung der von den „Gelben“ dominierten Gewerkschaften vertreten. Nur dank eines organisierten polemischen Schwindels wird seit geraumer Zeit behauptet, die italienische Linke habe ihre Schlussfolgerungen auf Gedankengänge von der Art begründet, es sei unter ihrer Würde, sich mit den Führern der opportunistischen Parteien zusammenzusetzen, et similia.
Doch Lenins Kritik am „Linksradikalismus“ 20 heißt nicht, dass auf dem Gebiet der Taktik Unbestimmtheit, Chaos und Willkür herrschen sollen und „alle Mittel“ recht sind, um unserer Ziele zu erreichen. Zu sagen, die Übereinstimmung der Mittel mit den Zielen ergebe sich schon aus dem von der Partei erworbenen revolutionären Wesen und aus der Mitwirkung hervorragender Männer oder Gruppen, die auf eine glänzende Tradition zurückblicken können, ist eine unmarxistische Wortspielerei, denn die Rückwirkungen, die die von der Partei gewählten Aktionsmittel in der Dialektik von Ursache und Wirkung auf sie selbst haben, werden hier überhaupt nicht in Rechnung gestellt, ebenso wie die Tatsache ignoriert wird, dass wir den „Absichten“,
die den jeweiligen Beschlüssen zugrunde liegen, jegliche Bedeutung absprechen – abgesehen vom „Misstrauen“ (im unpersönlichen Sinne des Wortes) gegenüber jenen Absichten, die, wie blutige Erfahrungen der Vergangenheit gelehrt haben, leider immer in Rechnung gestellt werden müssen.
In seiner Schrift über den Linksradikalismus führt Lenin aus, dass hinsichtlich der Verwirklichung des höchsten revolutionären Ziels die Kriterien für die Wahl der taktischen Mittel aus einer klaren Auffassung vom Klassenkampf des Proletariats und seinem Verlauf abgeleitet werden müssen, und es unsinnig wäre, ein bestimmtes taktisches Hilfsmittel zu verwerfen, weil es einem „hässlich“ erscheint und die Bezeichnung „Kompromiss“ verdient. Vielmehr sei zu prüfen, ob das fragliche Mittel dem Ziel entspreche oder nicht.
Diese Frage ist immer wieder neu zu beantworten und stellt eine gewaltige Aufgabe in der kollektiven Arbeit der Parteien und der Kommunistischen Internationale dar. Wir können zwar sagen, das Erbe der theoretischen Grundsätze Marx‘ und Lenins sicher in Händen zu halten (ohne deshalb jede weitere theoretische Untersuchung für überflüssig zu halten), doch das Gleiche gilt nicht auf dem Gebiet der Taktik – auch nicht nach der russischen Revolution und den Erfahrungen der ersten Lebensjahre der neuen Internationale, die leider zu früh auf Lenin verzichten musste. Die taktischen Fragen, die komplexer sind als die vereinfachenden, gefühlsmäßig gegebenen Antworten der „Linksradikalen“, müssen durch die gesamte internationale kommunistische Bewegung und ihrer gesamten vergangenen und jüngsten Erfahrung noch besser beleuchtet und untersucht werden. Man wird kaum unterstellen können, es sei gegen Marx und Lenin, wenn gefordert wird, bei der Lösung der taktischen Fragen bestimmte Aktionsregeln (nicht so grundlegend und lebenswichtig wie unsere Prinzipien, doch bindend für alle Mitglieder wie auch Leitungsorgane) zu befolgen, wobei verschiedene Entwicklungslinien der jeweiligen Lage in Betracht zu ziehen sind, um mit größtmöglicher Genauigkeit anzugeben, wie sich die Partei zu bewegen hat, sobald eine Situation bestimmte Merkmale aufweist.
Notwendiger Bestandteil der taktischen Beschlüsse sind die Untersuchung und das Verständnis der sich entwickelnden Lage, nicht weil andernfalls „Stegreifentscheidungen“ und „Überrumpelungsmanöver“ nach Gutdünken der Führer ermöglicht würden, sondern weil dadurch der Bewegung signalisiert wird, wann die Zeit für eine möglichst genau vorhergesehene Aktion gekommen ist. Sicher können zukünftige Situationen nur ungefähr und nicht mit Sicherheit vorhergesehen werden – aber dasselbe gilt nicht für die großen taktischen Linien. Wird diese Möglichkeit geleugnet, also bestritten, dass wir auf verschiedene Entwicklungslinien abgestimmten Vorgehensweisen festlegen können, wird auch die Aufgabe der Partei geleugnet und auf
die einzige Gewähr verzichtet, die wir geben können, damit sich die Parteikämpfer und die Massen an die Weisungen der Zentrale, und zwar in jeder eintretenden Lage, halten. Nach dieser Seite hin ist die Partei keine Armee und auch kein staatliches Räderwerk, also kein Organismus, in dem die hierarchische Autorität alles und der aus eigenem Antrieb erfolgte Parteibeitritt nichts zählt. Wenn ein Parteimitglied den Weisungen nicht nachkommen will, bleibt ihm, das ist klar, immer ein sanktionsloser Weg offen, nämlich aus der Partei auszutreten. Die Taktik wird sich als richtig erwiesen haben, wenn – infolge einer veränderten Lage, in der der Zentrale keine Zeit bleibt, die Partei oder gar die Massen zu befragen – innerhalb der Arbeiterschaft und
der Partei selbst keine unerwarteten Reaktionen eintreten, die der Durchführung der revolutionären Aktion zuwiderlaufen können. Die Kunst vorherzusehen, wie die Aktivisten auf die Weisungen reagieren und welche Weisungen die richtige Reaktion hervorrufen werden, ist die Kunst der revolutionären Taktik: Sie wird dann beherrscht, wenn die vergangenen Kampferfahrungen kollektiv ausgewertet und in klaren Aktionsregeln zusammengefasst wurden. Dadurch, dass die Aktivisten die Führung mit der Formulierung dieser Regeln betrauen, können sie sicher sein, dass diese ihr Mandat nicht verrät – und sie verpflichten sich ihrerseits, tatsächlich, nicht bloß dem Anschein nach, die Weisungen der Bewegung entschlossen und effizient auszuführen. Da die Partei selbst verbesserungsfähig und nicht vollkommen ist, zögern wir nicht zu sagen, dass der Klarheit und Überzeugungskraft der taktischen Richtlinien vieles unterzuordnen ist, auch wenn dies eine gewisse Schematisierung mit sich bringt. Sollten sich in einer Situation die von uns aufgestellten taktischen Schemata als falsch erwiesen haben, kann man dem nicht durch einen Rückfall in den Opportunismus oder Eklektizismus abhelfen, sondern man wird die Anstrengung erneut machen müssen, damit die taktische Linie mit den Parteiaufgaben in Einklang steht. Es ist nicht nur so, dass eine gesunde Partei eine richtige Taktik schafft, sondern auch so, dass eine richtige Taktik eine gesunde Partei schafft, und die richtige Taktik kann nur eine sein, deren grundlegende Linien von allen verstanden und anerkannt werden.
In den Momenten, in denen der Kampf um die Macht seinen Höhepunkt erreicht und der Kampf im Wesentlichen militärischen Charakter annimmt, erhält die Parteiaktion strategische Bedeutung. Doch deshalb reduziert sich ihre Funktion in der Zeit davor nicht auf bloße ideologische, propagandistische und organisatorische Fragen, sondern besteht, wie schon gesagt, in der aktiven Teilnahme an den Tageskämpfen der Arbeiter. Die Kodifizierung der taktischen Normen hat also den Zweck, angeben zu können, unter welchen Voraussetzungen das Eingreifen der Partei, ihr Handeln in den Tageskämpfen, ihre Agitation inmitten der Arbeiterkämpfe mit dem höchsten revolutionären Ziel übereinstimmt und zugleich die ideologische, organisatorische und taktische Vorbereitung immer besser zu gewährleisten.
Im Folgenden soll in Bezug auf die einzelnen Fragen geklärt werden, wie sich diese Ausarbeitung der taktischen Normen kommunistischer Aktion im heutigen Entwicklungsstadium der revolutionären Bewegung darstellt.
II. Internationale Fragen
1. Die Gründung der III. Internationale
Unter dem Gesichtspunkt der Wiederherstellung der revolutionären Theorie wurde mit der Gründung der Kommunistischen Internationale die mit dem I. Weltkrieg ausgelöste Krise der II. Internationale vollständig und definitiv gelöst; unter organisatorischen und taktischen Gesichtspunkt stellt die Bildung der Komintern eine ungeheure historische Errungenschaft dar, 21 doch die Krise der proletarischen Bewegung ist nicht ebenso vollständig gelöst worden.
Wesentlicher Faktor für die Bildung der neuen Internationale war die russische Revolution, der erste glorreiche Sieg des Weltproletariats. Aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse in Russland stellte die russische Revolution jedoch nicht das allgemeine historische Modell für die Revolution in den anderen Ländern dar, denn unter dem Aspekt der taktischen Fragen wurde die autokratische Feudalmacht durch die Diktatur des Proletariats abgelöst, ohne dass sich eine Epoche der politischen Herrschaft der Bourgeoisie mit ihrem eigenen organisierten Staatsapparat dazwischen geschoben hätte.
Gerade deshalb ist die Bestätigung des marxistischen Programms durch die russische Revolution von umso größerer historischer Bedeutung und hat in höchstem Maße dazu beigetragen, den sozialdemokratischen Revisionismus auf dem Terrain der Prinzipien zu schlagen. Auf dem Terrain der Organisation aber war der Kampf gegen die II. Internationale als Bestandteil des Kampfes gegen den Weltkapitalismus nicht gleichermaßen von Erfolg gekrönt. Es wurden wiederholt Fehler gemacht, weshalb die kommunistischen Parteien nicht jene Schlagkraft erlangt haben, die aufgrund der objektiven Bedingungen möglich gewesen wäre.
Dasselbe gilt auch auf dem Terrain der Taktik. Unzureichend gelöst wurden und werden viele Fragen, die das Schachbrett betreffen, auf dem sich die Figuren gegenüberstehen: die Bourgeoisie, der moderne und parlamentarische bürgerliche Staat mit seinem historisch konsolidierten Apparat, das Proletariat; nicht immer haben die kommunistischen Parteien das erreicht, was im Hinblick des proletarischen Vormarsches gegen den Kapitalismus und der Liquidation der sozialdemokratischen Parteien, diesen politischen Organen der bürgerlichen Konterrevolution, möglich gewesen wäre.
2. Wirtschaftliche und politische Weltlage (1926)
Die internationale Lage erscheint heute für das Proletariat weniger günstig als es in den ersten Nachkriegsjahren der Fall war. Wirtschaftlich gesehen stabilisiert sich der Kapitalismus zum Teil wieder, was aber nur heißt, dass es in bestimmten Bereichen der Wirtschaft weniger Störungen gibt, nicht, dass ein Zustand eintritt, in dem das vielleicht schon baldige das Auftreten neuer Störungen auszuschließen wäre.
Die Krise des Kapitalismus bleibt bestehen und wird sich unweigerlich und definitiv zuspitzen. Auf politischer Ebene ist die revolutionäre Arbeiterbewegung in fast allen weiter fortgeschrittenen Ländern geschwächt, was jedoch glücklicherweise durch die Konsolidierung Sowjetrusslands und den Kampf der Kolonialvölker gegen die kapitalistischen Mächte aufgewogen wird.
Da zugelassen wurde, die Taktik nach der jeweils aktuellen Situation und ihren Gegebenheiten 22 zu bestimmen, birgt diese allgemeine Lage die Gefahr, bei der Bewertung der Fragen des proletarischen Kampfes in den Menschewismus abzugleiten, auch wenn sich dies erst andeutet. Da sich das Gewicht des reinen Klassenkampfs verringert, besteht ferner die Gefahr, dass in der allgemeinen Politik der Komintern die Voraussetzungen fehlen, die Lenin in Bezug auf die richtige Anwendung der Taktik in der Nationalitäten- und Bauernfrage forderte.
Auf die proletarische Offensive der Nachkriegszeit folgte eine Offensive der Unternehmer gegen die Stellungen der Arbeiter, worauf die Komintern mit der Parole der Einheitsfront reagierte. Dann zeichnete sich in verschiedenen Ländern das Problem der demokratisch-pazifistischen „Ära“ ab und zu Recht wies Genosse Trotzki auf die Gefahr der Versumpfung hin, die dadurch für unsere Bewegung entstand. 23 Man darf die Lage nicht so deuten, als sei der Kampf zwischen zwei Flügeln der Bourgeoisie, dem rechten und dem linken, auf tiefe soziale Unterschiede zwischen ihnen zurückzuführen und als sei dies für das Proletariat von grundlegender Bedeutung.
Die richtige Auslegung ist die, dass die herrschende Klasse mehrere Regierungs- und Verteidigungsmethoden besitzt, die sich im Wesentlichen auf zwei reduzieren lassen: die reaktionäre und faschistische und die liberal-demokratische.
Ausgehend von der ökonomischen Analyse zeigen die Thesen Lenins über den Imperialismus, dass die modernsten Schichten der Bourgeoisie nicht nur die produktive Maschinerie, sondern auch ihre politische Verteidigung äußerst entschlossen zu vereinheitlichen suchen.
Es lässt sich daher nicht behaupten, der Übergang zum Kommunismus müsse in der Regel eine Phase der bürgerlichen Linksregierung durchlaufen. Die Lage mag sich in besonderen Fällen so entwickeln, doch dann wäre die Bedingung für den Sieg des Proletariats eine Taktik, mit der die Partei den Illusionen über das Auftreten einer Linksregierung entgegentritt; und selbst, wenn eine rechte Regierung an den Machthebeln sitzt, schwächt die Partei ihre Opposition gegen die linksbürgerliche Politik kein bisschen ab.
3. Die Arbeitsweise der Internationale
Eine der wichtigsten Aufgaben der KI ist gewesen, das Vertrauen der Arbeiter in die politische Aktion wiederherzustellen, das durch die parlamentarische Versumpfung des Opportunismus zerstört worden war.
Für den Marxismus ist Politik nicht die gemeinhin ausgeübte Kunst oder Technik, mit der die Parteien ihre jeweiligen Ziele mithilfe parlamentarischer oder diplomatischer Machenschaften zu erreichen suchen. Die proletarische Politik steht den Methoden der bürgerlichen Politik diametral entgegen; sie antizipiert höhere Formen von Beziehungen, um in der Kunst des revolutionären Aufstands zu gipfeln. Diese tiefe Kluft, die wir hier nicht näher theoretisch erläutern wollen, ist unverzichtbare Voraussetzung für das enge Band zwischen dem revolutionären Proletariat und seinem kommunistischen Generalstab bzw. der Auswahl seines Führungspersonals.
Die Arbeitspraxis der Internationale widerspricht heute dieser revolutionären Notwendigkeit. In den Beziehungen zwischen den Organen der kommunistischen Bewegung herrscht oftmals eine Politik vor, die zwei Seiten hat: die Unterordnung theoretischer Begründungen unter jeweils momentane Beweggründe und ein System persönlicher Absprachen und Übereinkünfte, um das Band zwischen Parteien und Massen fest und
dauerhaft zu knüpfen. Deren Ergebnisse haben jedoch zu schweren Enttäuschungen geführt.
In den richtungsweisenden Beschlüssen der Internationale finden Improvisationen, unerwartete Wendungen sowie plötzliche und drastische Veränderungen allzu leicht Eingang, was bei den Gefährten und den Arbeitern Verwirrung stiftet. Dies ist zum Beispiel bei den meisten innerparteilichen Fragen der Fall, deren man sich seitens der internationalen Organe und Weltkongresse durch aufeinanderfolgende Weisungen und Maßregeln mühsam entledigt, indem die verschiedenen Führungsgruppen dazu gebracht werden, sie zu akzeptieren, für den Bildungs- und Wachstumsprozess der Parteien ist dies jedoch nicht hilfreich.
4. Organisationsfrage
Bei der Gründung der KI, als noch mit einem raschen Entwicklungstempo der objektiven Situation gerechnet wurde, hatte die Überlegung, die revolutionären Kräfte schnell zu sammeln, großen Gewicht. Es hat sich jedoch gezeigt, dass es besser gewesen wäre, bei den Organisationskriterien mit größerer Strenge vorzugehen.24 Was den Bildungsprozess der Parteien und die Eroberung der Massen angeht, haben weder die Zugeständnisse an syndikalistische und anarchistische Gruppen zu guten Ergebnissen geführt, noch die an den 21Punkten25 vorgenommenen Abstriche zugunsten der Zentristen, auch nicht die mittels politischer Noyautage26 erfolgten organischen Verschmelzungen mit anderen Parteien bzw. Fraktionen von Parteien oder die in bestimmten Ländern tolerierte doppelte kommunistische Organisation mit sympathisierenden Parteien. Die nach dem V. Weltkongress ausgegebene Parole, die Parteien auf Grundlage von Betriebszellen zu organisieren,27 erfüllt nicht ihren Zweck, die von den Sektionen der Internationale zugegebenen Mängel zu beheben.
Die Verallgemeinerung dieser Parole, besonders ihre Auslegung seitens der italienischen Zentrale, ist ein Grund für die schweren Fehler und Abweichungen sowohl vom marxistischen Postulat, nach dem die Revolution keine Frage der Organisationsform ist, als auch von der leninistischen These, nach der eine einmal gefundene organisatorische Lösung nie für alle Zeiten und Räume gültig sein kann.
Für die Parteien, die in der heutigen Epoche in den bürgerlichen Ländern mit stabilen parlamentarischen Regierungen tätig sind, ist der auf Betriebszellen beruhende Organisationstypus sehr viel weniger geeignet als der Typus der territorialen Organisation, der Ortsgruppen. Theoretisch falsch ist die Aussage, es seien die sozialdemokratischen Parteien, die sich auf Basis von Ortsgruppen organisierten, während die Betriebszellengrundlage die wahrhaft kommunistischen Parteien kennzeichne. Dieser Zellentypus erschwert vielmehr die Aufgabe der Partei, die Arbeiter aller Berufs- und Industriezweige zu vereinigen; eine Aufgabe, die umso schwerer ist, je ungünstiger die Lage und je eingeschränkter die Möglichkeiten, das Proletariat zu organisieren. Die Zellenform, die für die ausschließliche Grundlage der Partei gehalten wird, geht mit verschiedenen praktischen Nachteilen einher. Im zaristischen Russland lagen die Dinge aufgrund der spezifischen Beziehungen zwischen industrieller Arbeitgeberschaft und Staat anders, und die herannahende zentrale Machtfrage ließ die Gefahr des Korporatismus 28 weniger akut erscheinen.
Durch diesen Zellentypus erhöht sich nicht der Einfluss der Arbeiter in der Partei, denn an all ihren Knotenpunkten bildet ein Netz, das aus Nicht-Arbeitern oder ehemaligen Arbeitern besteht, einen Apparat von Funktionären. Hinsichtlich der Mängel in der Arbeitsweise der Internationale entspricht die Losung der Bolschewisierung unter organisatorischen Gesichtspunkten einer flachen und unzulänglichen Übertragung der russischen Erfahrung; in vielen Ländern sehen wir bereits eine, wenn auch unbeabsichtigte Lähmung spontaner Aktivitäten und der der proletarischen Klasse eigenen Entschlossenheit durch einen Apparat, dessen Auswahl und Funktion großenteils künstlichen Kriterien gehorcht.
Den Typus der Ortsgruppen beizubehalten bedeutet nicht, auf Parteiorgane in den Betrieben zu verzichten:
Dies muss durch kommunistische Gruppen gewährleistet werden, die in ständiger Verbindung zur Partei und unter ihrer Leitung stehen und in die Gewerkschaftsarbeit eingegliedert sind. Dadurch ist eine viel bessere Fühlung mit den Massen möglich und die eigentliche Parteiorganisation ist weniger angreifbar. 29
5. Disziplin und Fraktionen
Ein weiterer Aspekt der „Bolschewisierung“ besteht darin, in einer vollständigen disziplinarischen Zentralisierung und dem strengen Verbot des Fraktionismus die sichere Garantie für die Schlagkraft der Partei zu sehen.
Bei allen Streitfragen ist die letzte Instanz das internationale Zentralorgan, in welchem der Kommunistischen Partei Russlands, wenn nicht der Hierarchie nach, so doch jedenfalls politisch eine Hegemonie zuerkannt wird.
Doch diese Garantie gibt es in Wirklichkeit nicht; überhaupt ist die ganze Fragestellung unzulänglich. In der Tat wurde nicht verhindert, dass sich der Fraktionismus in der Internationale maßlos ausbreitete, dessen verhohlene und heuchlerische Formen im Gegenteil bestärkt worden sind. Historisch gesehen war die Überwindung der Fraktionen in der russischen Partei kein Kunstgriff oder ein auf statutarischer Ebene angewandtes Rezept mit wundersamer Wirkung, sondern Resultat und Ausdruck des richtigen Verständnisses der theoretischen Fragen und politischen Aktion.
Disziplinarische Sanktionen sind eines der Elemente, um Abweichungen abzuwehren, jedoch unter der Bedingung, dass sie Ausnahmefällen vorbehalten bleiben und nicht zur Regel und beinahe zum Ideal der Arbeitsweise der Partei werden. So wie die Lösung der Frage nicht in einer hohlen Verärgerung über den hierarchischen Autoritarismus besteht (dem die ursprüngliche Investitur30 fehlt, sei es, weil die wenn auch großartigen historischen
Erfahrungen Russlands unvollständig sind, sei es, weil in der alten Garde selbst, der Hüterin der bolschewistischen Traditionen, in der Tat Meinungsverschiedenheiten auftauchen, deren Beilegung nicht a priori auch die Lösung ist), so besteht sie ebenso wenig darin, konsequent formaldemokratische Prinzipien anzuwenden, die im Marxismus nur den Platz eines manchmal leicht zu handhabenden organisatorischen
Verfahrens einnehmen.
Die kommunistischen Parteien müssen einen organischen Zentralismus verwirklichen, der bei größtmöglicher Diskussion an der Basis gewährleistet, dass jede Gruppe, die eine andere Ansicht vertritt, von selbst ausscheidet. Dies erreicht man nicht durch formelle und mechanische, von oben dekretierte
Vorschriften, sondern, wie Lenin sagt, durch die richtige revolutionäre Politik.
Wesentlicher Bestandteil des Parteilebens ist nicht, den Fraktionismus zu unterdrücken, sondern im Gegenteil ihn zu verhindern.
Es wäre absurd, steril und obendrein äußerst gefährlich zu behaupten, die Partei und die Internationale seien auf irgendeine wundersame Art und Weise vor jeden Rückfall oder jede Tendenz zum Rückfall in den Opportunismus gefeit (veränderte Situationen wie auch die Mechanismen der mitgeschleppten
sozialdemokratischen Traditionen können durchaus zu solchen Rückfällen führen). Deshalb müssen wir bei der Lösung unserer Probleme davon ausgehen, dass die Meinungsverschiedenheiten, soweit sie nicht auf einer anderen Gesinnung oder auf persönlichem Defätismus beruhen, sehr wohl nützlich sein können, insoweit sie die Partei und das Proletariat überhaupt vor ernsten Gefahren warnen und schützen.
Wenn diese Gefahren konkret würden, würden die Meinungsverschiedenheiten unvermeidlich, aber nicht ohne Nutzen, die Form des Fraktionismus annehmen. Im schlimmsten Fall könnte dies zu Spaltungen führen, wenn nämlich die Partei Bankrott machen und konterrevolutionären Einflüssen erliegen würde, niemals aber – was albern wäre –, weil seitens der Führer zu wenig autoritär vorgegangen wird.
Ein Beispiel des falschen Vorgehens liefern die künstlich herbeigeführten Lösungen für die deutsche Partei nach der opportunistischen Krise von 1923: Sie lähmten bei einem so fortgeschrittenen Proletariat wie dem deutschen die spontane Herausbildung der richtigen und revolutionären Klassenreaktion auf die Entgleisungen der Partei, ohne dass übrigens der Fraktionismus beseitigt worden wäre. 31
Die Gefahr einer bürgerlichen Beeinflussung der Klassenpartei tritt historisch nicht als Fraktionsbildung in Erscheinung; eher dringt sie ein, wenn demagogisch proletarische Einmütigkeit beschworen und eine Diktatur von oben ausgeübt wird, die die Initiativen der proletarischen Vorhut lähmt.
Ein solch defätistischer Faktor lässt sich nicht ausmachen und bekämpfen, wenn angesichts eventueller Fraktionsbildungen die Frage der Disziplin ins Feld geführt wird, sondern wenn die Partei und das Proletariat diese Falle in Rechnung ziehen, nicht erst, sobald sich eine theoretische Revision ankündigt, sondern sobald ein bedeutendes politisches Manöver vorgeschlagen wird, das nicht vom Klasseninhalt bestimmte Folgen zeitigt.
Einer der negativen Aspekte der sogenannten Bolschewisierung besteht darin, an die Stelle der innerhalb der Partei zu leistenden vollständigen und bewussten Ausarbeitung unserer Politik (ein wirklicher Schritt in Richtung eines organischen Zentralismus) eine formale und wortgewaltige Agitation mechanischer Formeln der Einheit um der Einheit willen und der Disziplin um der Disziplin willen zu setzen. 32
Die Ergebnisse dieses Vorgehens schaden der Partei und dem Proletariat und zögern die Bildung der „wahrhaft“ Kommunistischen Partei hinaus. Diese in vielen Sektionen der Internationale angewandte Methode ist selbst schon ein ernstzunehmendes Symptom eines latenten Opportunismus. In der heutigen Lage zeichnet sich in der KI die Bildung einer internationalen Linksopposition nicht ab. Wenn jedoch die bisher aufgezeigten negativen Faktoren weiter um sich greifen sollten, wird sich die Bildung einer solchen Opposition als revolutionäre Notwendigkeit und zugleich spontane Reaktion auf die entstandene Lage erweisen.
6. Taktische Fragen bis zum V. Kongress der KI
Bei der Lösung der taktischen Fragen, die in den oben skizzierten Situationen auf internationaler Ebene aufgetreten sind, wurden im Allgemeinen ähnliche Fehler gemacht wie bei den Organisationsfragen; beide Fragen sind durch den Anspruch bedingt, alles aus den Fragen abzuleiten, vor denen sich in der
Vergangenheit die Russische Kommunistische Partei gestellt sah.
Die Taktik der Einheitsfront darf nicht als politisches Bündnis mit anderen sogenannten Arbeiterparteien aufgefasst werden, vielmehr muss sie nutzbar gemacht werden, indem man die infolge der jeweiligen Situation sich aufdrängenden unmittelbaren Forderungen der Arbeiter aufgreift, um den Einfluss der Kommunistischen Partei auf die Massen zu erhöhen, ohne dass dabei ihre selbständige Position verwässert würde.
Basis der Einheitsfront müssen daher jene Vereinigungen sein, denen die Arbeiter ihrer sozialen Stellung nach beitreten, unabhängig von ihrer politischen Gesinnung und Mitgliedschaft in einer politischen Partei. Dies hat den doppelten Zweck: einerseits der Kommunistischen Partei nicht die Möglichkeit zu nehmen, auch weiterhin die anderen Parteien zu kritisieren und neue zuvor an diese gebundene Elemente nach und nach in ihre eigenen Reihen einzugliedern; andererseits sicherzustellen, dass die Massen die folgenden parteieigenen Losungen verstehen, um sie für das kommunistische Programm und unter der alleinigen Führung der KP zu mobilisieren.
Die Erfahrung hat immer wieder gezeigt, dass die revolutionäre Nutzung der Einheitsfront nur dann gewährleistet werden kann, wenn folgenden Verfahren eine klare Absage erteilt wird: dauerhafte oder befristete politische Bündnisse; Aktionsausschüsse, die sich aus Vertretern verschiedener politischer Parteien zusammensetzen; die Methode der Absprachen, Angebote und offenen Briefe an andere Parteien.
Die Praxis hat gezeigt, dass diese Verfahren zu nichts führen und nach dem Missbrauch, der damit getrieben wurde, ist jede auch anfängliche Wirkung entzaubert worden.
Die politische Einheitsfront als Grundlage einer wesentlichen Forderung anzuwenden, nämlich in Bezug auf die Staatsfrage, ist die Taktik der Arbeiterregierung. Wir haben es hier nicht mehr nur mit einer falschen Taktik zu tun, sondern mit einem krassen Widerspruch zu den Grundsätzen des Kommunismus. Wenn die Partei eine Losung ausgibt, die die proletarische Machtübernahme durch Vertretungskörperschaften des bürgerlichen Staatsapparates in Aussicht stellt bzw. dies nicht ausdrücklich ausschließt, wird das kommunistische Programm verleugnet und fallen gelassen, nicht allein wegen der unvermeidbar negativen Auswirkungen auf die proletarische Theorie, sondern weil es der Theorie selbst widerspricht, die die Partei
zum Ausdruck bringt und bestätigt.
Nach der deutschen Niederlage hat der V. Kongress diese Taktik einer Revision unterzogen, die jedoch nicht zufriedenstellen konnte; die weitere Entwicklung der taktischen Erfahrungen berechtigt zur Forderung, allein schon das Wort „Arbeiterregierung“ nicht mehr in den Mund zu nehmen.
Hinsichtlich der zentralen Frage des Staates darf die Partei nur die Losung der Diktatur des Proletariats ausgeben, denn es gibt keine andere „Arbeiterregierung“. Mit der genannten Position schlittert man bloß in den Opportunismus, also dahin, angeblich arbeiterfreundliche Regierungen der Bourgeoisie zu unterstützen oder gar an ihnen teilzunehmen. All das steht durchaus nicht im Widerspruch zur Losung „Alle Macht den Sowjets“ oder gleichartigen Organen (d.h. nur von Arbeitern gewählten Körperschaften), selbst wenn opportunistische Parteien darin die Oberhand haben. Diese Parteien sind gegen die Machtergreifung der Arbeiterorgane, da es sich dabei eben um die proletarische Diktatur handelt (Ausschluss der Nichtarbeiter von den gewählten Organen und von der Macht), die allein die Kommunistische Partei wird organisieren und ausüben können. Es erübrigt sich und
soll hier auch nicht vorgeschlagen werden, die Losung „Diktatur des Proletariats“ mit dem einzigen Synonym zu bezeichnen, das überhaupt in Frage kommt: „Regierung der Kommunistischen Partei.“
7. Fragen der „neuen Taktik“
Einheitsfront und Arbeiterregierung wurden wie folgt begründet: Für den Sieg genügt es nicht, kommunistische Parteien zu haben, sondern man muss die Massen erobern. Dafür ist es notwendig, den Einfluss der Sozialdemokraten mittels Forderungen zurückzudrängen, die von allen Arbeitern verstanden
werden.
Heute geht man noch einen Schritt weiter und stellt folgende abenteuerliche Position auf: Für unseren Sieg muss zunächst erreicht werden, dass die Bourgeoisie auf eine liberalere und kompromissbereite Art und Weise oder aber eine zwischen Bourgeoisie und Proletariat stehende Regierung der Mittelklassen regiert, so dass unsere Vorbereitung ermöglicht wird. Diese zweite Auffassung, die die Möglichkeit einer neuartigen Regierung der Mittelklassen zulässt, versinkt voll und ganz im Revisionismus der marxistischen Theorie und ist Zwillingsbruder des konterrevolutionären Reformismus. Die erste, nicht minder gefährliche Anschauung hat angeblich nur die objektiv besseren Bedingungen im Auge, die uns erlauben würden, unsere Propaganda, Agitation und Organisation besser zu entfalten. Wir haben dazu schon weiter oben etwas gesagt. 33
Alles lässt voraussehen, dass Liberalismus und bürgerliche Demokratie, ob im Gegensatz oder in Übereinstimmung mit der „faschistischen“ Vorgehensweise, immer mehr in die Richtung gehen, die Kommunistische Partei von den rechtsstaatlichen Garantien, so wenig Bedeutung sie faktisch haben, auszuschließen, eben weil sie die Partei ist, die jene Garantien programmatisch negiert und sich somit außerhalb derselben bewegt. Eine Sache, die noch nicht einmal gegen die Prinzipien der bürgerlichen Demokratie verstößt, jedenfalls gibt es Präzedenzfälle in der Tätigkeit aller so genannter Linksregierungen, z.B. im Programm des „Aventin“ 34 in Italien. Die der Arbeiterschaft gewährte „Freiheit“ entpuppt sich im Wesentlichen als größere Freiheit für die konterrevolutionären Agenten, in ihren Reihen zu agitieren und organisatorisch tätig zu sein. Die einzige Freiheit für das Proletariat liegt in seiner Diktatur.
Selbst innerhalb der engen Grenzen, in denen eine Linksregierung uns günstigere Bedingungen bieten mag, können diese, wie schon gesagt, nur ausgenutzt werden, wenn die Partei ihre selbständige Position klar und eindeutig aufrechterhalten hat, und zwar in jeder Situation.
Dies bedeutet nicht, dass eine diabolische Fähigkeit der Bourgeoisie vorauszusehen ist, sondern weil wir wissen – andernfalls hat man kein Recht, sich Kommunist zu nennen –, dass sich im Entscheidungskampf eine Einheitsfront aller bürgerlichen Kräfte, ob sie nun Hindenburg, MacDonald, Mussolini oder Noske heißen, gegen alle, auch früher eroberten Stellungen des Proletariats formieren wird.
Natürlich kann jede innere Schwachstelle innerhalb einer derartigen bürgerlichen Einheitsfront ein Koeffizient des proletarischen Sieges sein; mit Sicherheit aber wird es ein Koeffizient seiner Niederlage sein, wenn das Proletariat daran gewöhnt wird, in jener Front seine wenn auch unfreiwilligen Förderer auszumachen.
Aus diesen Gründen ist das taktische Vorgehen unannehmbar, das in Deutschland nach der Wahl Hindenburgs vertreten wurde, sowohl das Wahlbündnis mit den sozialdemokratischen und anderen „republikanischen“, also bürgerlichen Parteien, als auch das parlamentarische Bündnis im preußischen
Landtag, um eine Rechtsregierung zu verhindern35. Dasselbe gilt für Frankreich hinsichtlich der Unterstützung des „Kartells der Linken“ bei den Kommunal- und Kantonalwahlen (Taktik von Clichy) 36.
Übrigens geht aus den Leitsätzen des II. Weltkongresses über den Parlamentarismus deutlich hervor, dass sich die Kommunistische Partei nur mit strikt unabhängigen Positionen auf das Wahlkampf- und Parlamentsterrain begeben darf.
Die oben genannten taktischen Äußerungen der letzten Zeit weisen eine gewiss nicht völlige, aber doch unverkennbare Nähe zum herkömmlichen Verfahren der II. Internationale auf, die die Blockbildungen und die Arbeitsgemeinschaft zwischen den Klassen auch einer marxistischen Sicht der Dinge entsprechend rechtfertigen wollte.
Derartige Methoden stellen für die theoretische und organisatorische Arbeit der Internationale eine wirkliche Gefahr dar; darüber hinaus sind sie durch keine Resolution der Weltkongresse und erst recht nicht durch die Thesen zur Taktik auf dem V. Kongresses zugelassen worden.
8. Gewerkschaftsfrage
Die Internationale hat mehrfach ihre Auffassung über die Beziehungen zwischen politischen und wirtschaftlichen Organisationen auf Weltebene geändert. An diesem Beispiel sieht man gut, wie verfahren wird – statt nämlich die konkreten Aktionen aus den Prinzipien abzuleiten werden umgekehrt immer wieder neue und andere Theorien aus dem Stegreif gebildet, um Aktionen zu rechtfertigen, die von scheinbar praktischem Interesse und leicht durchzuführen sind sowie sofortigen Erfolg versprechen.
Zuerst sollten Gewerkschaften in die KI aufgenommen werden. Dann wurde aus folgenden Überlegungen heraus die Rote Gewerkschaftsinternationale37 gegründet: Die Kommunistische Partei ist zwar verpflichtet, für die Einheit der Gewerkschaften zu kämpfen, die das natürliche Band zwischen Partei und breiten Massen sind, und sie darf keine eigenen Gewerkschaften bilden, etwa indem sie die gelben spaltet; auf internationaler Ebene jedoch wurde das Büro der Amsterdamer Internationale nicht als proletarische Massenorganisation angesehen und behandelt, sondern als konterrevolutionäres Anhängsel des Völkerbundes.
An einem bestimmten Punkt erklärte man, sicherlich aufgrund wichtiger Erwägungen, doch im Wesentlichen mit Blick auf die linke Gewerkschaftsbewegung in England, den Verzicht auf die RGI, die sich mit der Amsterdamer verschmelzen sollte, um eine internationale Gewerkschaftseinheit zu bilden. 38
Keine Überlegung über eine Veränderung der Lage kann so schwerwiegende Umbrüche rechtfertigen. Die Frage der Beziehungen zwischen internationalen Organisationen politischer und gewerkschaftlicher Natur ist eine Prinzipienfrage, denn im Grunde geht es um die Beziehungen zwischen Partei und Klasse im Hinblick auf die revolutionäre Mobilisierung.
Dazu kommt noch, dass sich nicht an die eigenen Statuten gehalten wurde, denn der Beschluss stellte die zuständigen internationalen Organen vor vollendete Tatsachen.
Die Aufrechterhaltung der Losung „Moskau gegen Amsterdam“ schloss und schließt den Kampf für die Einheit der nationalen Gewerkschaftsbewegungen in keinem Land aus. In Deutschland und Italien war die Liquidation der Spaltungstendenzen in den Gewerkschaften erst möglich, nachdem ihren Befürwortern das Argument entzogen worden war, das Proletariat werde daran gehindert, sich vom Einfluss der Amsterdamer Internationale zu lösen.
Die scheinbar begeisterte Zustimmung zum Vorschlag einer weltweiten Gewerkschaftseinheit hindert indes unsere französische Partei nicht, eine absolute Unfähigkeit an den Tag zu legen, wenn es darum geht, in der Frage der nationalen Gewerkschaftseinheit so zu handeln, dass es nicht auf eine Spaltung hinausläuft.
Der Nutzen einer Einheitsfronttaktik auf Weltebene, die alle gewerkschaftlichen Organisationen, auch die zu Amsterdam gehörenden, einbezieht, ist allerdings nicht völlig von der Hand zu weisen.
Die Linke der italienischen Partei ist stets für die proletarische Einheit in den Gewerkschaften eingetreten; eine Haltung, die dazu beiträgt, sie klar von den Pseudolinken zu unterscheiden, deren syndikalistische und voluntaristische Überzeugung Lenin bekämpfte. Außerdem vertritt die Linke in Italien die strikt leninistische Auffassung über die Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Fabrikräten. Auf Grundlage der russischen Erfahrung und der diesbezüglichen Leitsätze des II. Kongresses weist sie jene schwerwiegende Abweichung von den Prinzipien zurück, die den Gewerkschaften, deren Mitgliedschaft freiwillig ist, ihre revolutionäre Bedeutung abspricht, um sie durch die utopistische und reaktionäre Konzeption eines notwendig dem
kapitalistischen Produktionssystem organisch anhaftenden und das ganze Land überziehenden verfassungskonformen Apparates zu ersetzen; praktisch konkretisiert sich dieser Fehler in einer Überbewertung der Fabrikräte und einem faktischen Boykott der Gewerkschaften.
9. Agrarfrage
Die Agrarfrage ist durch die Thesen Lenins auf dem II. Kongress der Internationale grundsätzlich bestimmt worden39. Die Grundzüge bestehen vor allem in der historischen Richtigstellung der Frage der ländlichen Produktion im marxistischen System, indem er zeigte, dass in einer Zeit, in der die Voraussetzungen für die Vergesellschaftung in der Industrie bereits reif sind, diese in der Landwirtschaft fehlen.
Das bedeutet nicht nur, dass die Arbeiterrevolution die Herstellung jener Bedingungen abwarten müsste, die im Gegenteil erst auf ihrer Grundlage allgemein geschaffen werden. Zum anderen ist die Frage der Interessen der armen Bauern im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft und der bürgerlichen Macht gar nicht lösbar, so dass das Proletariat die Befreiung der armen Bauern von der Ausbeutung durch Großgrundbesitzer und Bourgeoisie mit auf seine Fahne schreiben kann, auch wenn diese Befreiung nicht unmittelbar mit einer allgemeinen Umwälzung in der Landwirtschaft zusammenfällt.
Der Großgrundbesitz, der nur auf der Ebene der Besitzverhältnisse ein solcher ist, sich betriebswirtschaftlich aber aus einer Anzahl kleinster Produktionseinheiten zusammensetzt, wird, nachdem der juristische Überbau beseitigt ist, unter die Bauern aufgeteilt, was real nur die Befreiung der faktisch bereits getrennten Kleinbetriebe von einer gemeinsamen Ausbeutung bedeutet. Machen lässt sich das nur, wenn die Eigentumsverhältnisse revolutionär gesprengt werden. Der Protagonist dessen kann allein das Industrieproletariat sein, weil es nicht nur, wie der Bauer, Opfer der bürgerlichen Produktionsverhältnisse ist, sondern auch das historische Produkt ihrer Reife, die das Fundament eines System neuer und anderer Verhältnisse legt.
Das Proletariat wird also in der Rebellion der armen Bauern eine wertvolle Hilfe finden. Wesentlich in Lenins taktischen Schlussfolgerungen sind jedoch zwei Punkte, als Erstes der grundsätzliche Unterschied in den Beziehungen zwischen Proletariat und Bauernschaft und den Beziehungen zwischen Proletariat und reaktionären Mittelschichten der städtischen Wirtschaft, die vor allem in den sozialdemokratischen Parteien ihre Vertretung finden; und zweitens, die Unantastbarkeit des Vorrangs und der Hegemonie der Arbeiterklasse in der Führung der Revolution.
Zum Zeitpunkt der Machteroberung erweist sich der Bauer als revolutionärer Faktor. Doch wenn sich in der Revolution seine Ideologie in Bezug auf die alten Formen von Autorität und Rechtmäßigkeit verändert, trifft dasselbe in Bezug auf die Produktionsverhältnisse kaum zu: Er wird sich an die herkömmlichen Verhältnissen des isolierten, mit den anderen in Konkurrenz stehenden Familienbetriebs halten. Der Bauer wird insofern eine ernste Gefahr für die Errichtung der sozialistischen Wirtschaft darstellen, und nur eine große Entwicklung der produktiven Kräfte und der landwirtschaftlichen Technik wird ihn für den Sozialismus gewinnen können.
Auf taktischer und organisatorischer Ebene ist laut Lenin das nicht an Grund und Boden gefesselte Landproletariat (die Tagelöhner) dem Proletariat zugehörig und wird dementsprechend organisiert. Mit dem armen Bauern, der seine oft zu kleine Parzelle alleine bewirtschaftet, besteht eine Bündnispolitik, die gegenüber der mittleren Bauernschaft, in der sich die Merkmale – Opfer bestimmter kapitalistischer Verhältnisse als auch Ausbeuter von Arbeitskraft zu sein – nebeneinander finden, zu einer einfachen Neutralisierungspolitik wird. Der Großbauer, bei dem die Ausbeutung fremder Arbeitskraft vorherrscht, ist direkter Feind der Revolution.
Bei der Taktik in der Agrarfrage muss die Internationale die Fehler vermeiden, wie sie bereits in der französischen Partei zutage getreten sind und die darauf hinauslaufen, sich eine eigenständige Bauernrevolution vorzustellen, die auf derselben Ebene wie die Arbeiterrevolution angesiedelt ist, oder zu
glauben, die revolutionäre Mobilisierung der Arbeiter könne durch einen Bauernaufstand ausgelöst werden, während es genau umgekehrt ist.
Der Bauer, der für das Programm der Kommunisten gewonnen wurde und zur politischen Organisierung bereit ist, muss ein Mitglied der Kommunistischen Partei werden; nur dadurch wird man das Entstehen reiner Bauernparteien bekämpfen, die unvermeidlich unter den Einfluss der Konterrevolution geraten.
Die Bauerninternationale (russ.:Krestintern)40 muss die bäuerlichen Organisationen aller Länder einbegreifen, die wie bei den Arbeitergewerkschaften allen offen stehen, die aufgrund ihrer unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen eine gemeinsame soziale Stellung haben. Auch hier ist die Taktik der politischen Absprachen und Einheitsfronten sowie der Fraktionsbildungen innerhalb der Bauernparteien, sei es auch zum Zweck ihrer Zersetzung, zurückzuweisen. Diese taktische Richtlinie widerspricht nicht den Beziehungen zwischen Bolschewiki und Sozialrevolutionären in der Periode des Bürgerkrieges, als bereits neue Vertretungsorgane des Proletariats und der Bauernschaft existierten.
10. Nationale Frage
Auch über Theorie der Volksbewegungen in manchen besonders zurückgebliebenen Ländern hat Lenin eine grundlegende Klärung eingebracht.41 Noch bevor die ökonomischen und die durch die weltweite Ausdehnung des Kapitalismus hereingebrachten Faktoren die Verhältnisse so weit entwickelt haben werden, dass sie für den modernen Klassenkampf reif sind, stellen sich hier Forderungen, die nur in einer Volkserhebung und durch die Niederlage des Weltimperialismus erfüllt werden können.
In der Epoche des Kampfes für die proletarische Revolution in den Metropolen ermöglicht die vollständige Realisierung dieser beiden Faktoren den Ausbruch des Kampfes in diesen Ländern, auch wenn er in jenen Regionen nicht die Merkmale des Klassenkampfes, sondern die eines ethnischen und
Nationalitätenkonfliktes trägt.
Grundlegend in der leninistischen Auffassung sind jedoch die Führungsrolle der proletarischen Organe in diesem weltweiten Kampf und die Notwendigkeit, den Klassenkampf in jenen Ländern niemals zu verzögern oder zu ersticken, sondern anzuspornen und die Bildung und selbständige Entwicklung der lokalen kommunistischen Parteien zu fördern.
Die Ausweitung dieser Bewertung der Verhältnisse auf Länder, in denen die kapitalistische Gesellschaftsordnung und der bürgerliche Staatsapparat seit langem bestehen, stellt eine Gefahr dar, denn hier sind die nationale Frage und die patriotische Ideologie direkte konterrevolutionäre Hilfsmittel, die auf
[theoretische] Entwaffnung des Proletariats zielen. Solche Abweichungen haben wir z.B. in den bekannten taktischen Zugeständnissen Radeks an die gegen die alliierte Besetzung kämpfenden deutschen Nationalisten gesehen.42
In der Tschechoslowakei muss die Internationale zudem jede organisatorische Widerspiegelung des nationalen Dualismus in den Reihen des Proletariats ausmerzen, denn beide Ethnien 43 sind historisch auf gleicher Höhe und befinden sich in einem ökonomisch vollständig entwickelten Milieu.
Den Kampf nationaler Minderheiten als solchen zum Prinzip zu erheben ist daher eine Entstellung der kommunistischen Auffassung. Die Beurteilung, ob ein solcher Kampf revolutionäre Möglichkeiten oder reaktionäre Entwicklungen birgt, hängt von ganz anderen Kriterien ab.
11. Russische Fragen
Die Bedeutung der Neuen Ökonomischen Politik des russischen Staates, die vor allem in der Rede Lenins von 1921 über die Naturalsteuer und im Bericht Trotzkis auf dem IV. Kongress deutlich wurden 44, ist in der KI unbestritten. Die Voraussetzungen in der russischen Wirtschaft und die Tatsache, dass in den anderen Ländern die Bourgeoisie weiterhin die Macht hat, erlaubten aus marxistischer Sicht keine andere Perspektive in Hinsicht auf die Entwicklung der Weltrevolution und die Errichtung der sozialistischen Wirtschaft.
Die großen Schwierigkeiten, denen sich die russische Staatspolitik hinsichtlich des inneren Kräfteverhältnisses, der Probleme der betriebswirtschaftlichen Leitung 45 und der Beziehungen zum Ausland gegenübersieht, führten innerhalb der Kommunistischen Partei Russlands zu Meinungsverschiedenheiten. Zu bedauern ist vor allem, dass die internationale kommunistische Bewegung hier nicht fundierter und bestimmter Position zu beziehen vermochte.
In der ersten Diskussion zu dieser Frage waren die Aussagen Trotzkis über das innerparteiliche Leben und seinen „neuen Kurs“ ohne Frage zutreffend, ebenso wie seine Ausführungen zum Verlauf der staatlichen Wirtschaftspolitik insgesamt eindeutig proletarisch und revolutionär waren. Nicht minder begründet waren seine Überlegungen in der zweiten Diskussion über die Fehler der Internationale und die Beweisführung, dass auch die beste bolschewistische Tradition nicht für die in der KI-Führung vorherrschenden Kriterien spricht.
Infolge der bekannten Methode der Einschüchterung, aus der Luft gegriffene Anschuldigungen des Fraktionismus oder gar Bonapartismus in den Vordergrund zu rücken, war die Debatte innerhalb der russischen Partei ebenso verzerrt wie künstlich. Was die jüngste Diskussion angeht, muss man vor allem sehen, dass es um russische Fragen geht, die eine internationale Dimension haben, so dass der Beschluss seitens der Mehrheit der KPR darüber nicht als Argument gegen die Diskussion und Beschlussfassung durch die ganze Internationale angeführt werden kann, wobei es ganz unerheblich ist, dass die geschlagene russische Opposition darauf verzichtete, die Frage vor die KI zu bringen. 46
Wie auch in anderen Fällen werden die inhaltlichen Fragen durch solche des Verfahrens und der Disziplin erstickt. Es geht hier nicht etwa um die Verteidigung verletzter Rechte einer Minderheit, die, jedenfalls auf der Führungsebene, die Verantwortung für viele Fehler auf internationaler Ebene mitträgt, sondern um existenzielle Fragen der Weltbewegung.
Die russische Frage muss der ganzen Internationale vorgelegt werden und ihre Untersuchung muss von folgenden Grundzügen ausgehen: In der gegenwärtigen russischen Wirtschaft finden wir laut Lenin vorbürgerliche, bürgerliche, staatskapitalistische und sozialistische Elemente vor. Die verstaatlichte Großindustrie ist insofern sozialistisch, als sie sich auf einen auf die Produktion ausgerichteten Ansatz bezieht, die sich in den Händen des im politischen Sinne proletarischen Staates befindet. Die Distribution dieser Produkte jedoch vollzieht sich in kapitalistischer Form, d.h. über den freien Markt und seinen Konkurrenzmechanismus.
Infolge dieser Lage befinden sich die Arbeiter in einer alles andere als prosperierenden wirtschaftlichen Situation, was sie dank ihres revolutionären Bewusstseins hinnehmen; des Weiteren ist grundsätzlich nicht auszuschließen, dass die Entwicklung sogar in Richtung steigender Mehrwertabpressung geht, was durch [die Lebensmittelpreise sowie47] die vom Staat zu zahlenden Preise und die Bedingungen konkret werden kann, die er beim Ankauf, bei den Konzessionen, im Handel und in allen anderen Geschäftsbeziehungen mit dem ausländischen Kapital aushandelt. Das sind die Fragestellungen, um zu wissen, ob sich die sozialistischen Elemente in der russischen Wirtschaft ausdehnen oder zurückgehen werden, wobei hier auch die Frage nach der technischen bzw. betriebswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und der richtigen Organisation der Staatsindustrie einbezogen werden muss. 48
Man muss festhalten, dass der Aufbau des vollständigen, sich also auf Produktion und Distribution, auf Industrie und Landwirtschaft erstreckenden Sozialismus in einem Land unmöglich ist. 49 Möglich ist hingegen eine fortschreitende Entwicklung sozialistischer Elemente in der russischen Wirtschaft, was das Scheitern des konterrevolutionären Plans bedeutet, der innenpolitisch auf die reichen Bauern, die neue Bourgeoisie und das Kleinbürgertum, außenpolitisch auf die imperialistischen Mächte setzt. Ob dieser Plan die Form eines äußeren oder inneren Angriffs annimmt oder als fortschreitende Sabotage und Einflussnahme auf das russische Gesellschafts- und Staatsleben in Erscheinung tritt, um eine schleichende Involution und Entproletarisierung seiner Merkmale zu erzwingen – in beiden Fällen ist die enge Zusammenarbeit und der Beitrag aller Parteien der Internationale eine unentbehrliche Bedingung für die erfolgreiche Behauptung Sowjetrusslands.
Es geht vor allem darum, dem proletarischen Russland und der KPR die aktive und tatkräftige Unterstützung der proletarischen Vorhut insbesondere in den imperialistischen Ländern zu sichern, nicht nur, um die Angriffe abzuwehren und auf die Beziehungen der bürgerlichen Staaten zu Russland Druck
auszuüben, sondern hauptsächlich, weil es wichtig ist, die russische Partei bei der Lösung ihrer Probleme zu unterstützen; es stimmt zwar, dass die Bruderparteien keine direkte Erfahrung mit den Herausforderungen des Regierens haben, dennoch aber zu deren Lösung beitragen, indem sie einen klassenkämpferischen und revolutionären Koeffizienten einbringen, der direkt aus den realen Klassenkämpfen in ihren Ländern hervorgeht.
Aus dem zuvor Gesagten resultiert, dass die inneren Verhältnisse in der KI den genannten Aufgaben nicht gerecht werden und Änderungen dringend notwendig machen, vor allem die Richtung der durch die sogenannte Bolschewisierung hervorgerufenen organisatorischen und taktischen wie auch politischen Grenzüberschreitungen umzukehren.
III. Italienische Fragen
1. Die Lage in Italien
Falsch sind Einschätzungen der italienischen Lage, die der eher schwachen Entwicklung des Industriekapitalismus entscheidendes Gewicht geben.
Der im quantitativen Sinn geringen Ausdehnung und relativ späten historischen Entwicklung des italienischen Kapitalismus steht eine Reihe anderer Umstände gegenüber, kraft derer die politische Macht zur Zeit des Risorgimento fest in die Hände der Bourgeoisie übergehen konnte, deren Regierungstradition so reich und komplex ist wie eh und je. Es ist nicht möglich, die politischen Lager, in die sich die einander bekämpfenden Parteien (wie die Rechte und die Linke, die Klerikalen und Freimaurer, Demokraten und Faschisten) historisch geteilt haben, systematisch auf soziale Unterschiede zwischen Großgrundbesitzern und Kapitalisten und zwischen Groß- und Kleinbürgertum zurückzuführen.
Die faschistische Bewegung muss als Versuch gewertet werden, die widerstreitenden Interessen der verschiedenen bürgerlichen Gruppen zu konterrevolutionären Zwecken politisch zu vereinen. Zu diesem Zweck hat der Faschismus, gleichzeitig von Großgrundbesitz, Industrie, Handel und Banken, kurzum, von allen oberen Klassen direkt gefördert und gewollt und vor allem vom traditionellen Staatsapparat, vom Königshaus, der Kirche und der Freimaurerei gestützt, die Schichten der zersetzten Mittelklassen in Bewegung gesetzt und im engen Schulterschluss mit allen bürgerlichen Kräften gegen das Proletariat gehetzt.
Die Ereignisse in Italien dürfen weder als Machtübernahme einer neuen sozialen Schicht gedeutet werden noch als Bildung eines neuen Staatsapparates mit eigener Ideologie und eigenem Programm, auch nicht als Niederlage einer Fraktion der Bourgeoisie, die ihre Interessen lieber mit liberalen und parlamentarischen Methoden durchsetzen würde. Die Liberalen, die Demokraten, Giolitti und Nitti, sind die Akteure einer für die Niederlage des Proletariats entscheidenden und mit der faschistischen Phase dialektisch verbundenen konterrevolutionären Kampfperiode. In der Tat ermöglichte ihre Politik der Zugeständnisse – mit Rückendeckung von Reformisten und Maximalisten50 – in der unmittelbaren Nachkriegszeit und nach der Demobilisierung, als die herrschende Klasse und ihre Organe auf einen frontalen Abwehrkampf nicht vorbereitet waren, die bürgerliche Gegenwehr und die Ablenkung des proletarischen Drucks. 51
Von Regierung, Verwaltung, Polizei, Justiz, Armee usw. in jener Phase direkt unterstützt, hat der Faschismus die alten bürgerlichen Amtsträger vollständig ausgewechselt. Man darf sich davon jedoch nicht blenden und erst recht nicht dazu verleiten lassen, jene gestrauchelten Parteien und Gruppen zu
rehabilitieren, denn sie wurden allein deswegen beseitigt, weil sie eine ganze Etappe ihrer antiproletarischen Aufgabe zum Abschluss gebracht hatten und nicht etwa, weil sie der Arbeiterklasse günstige Bedingungen geboten hätten.
2. Politische Strömung der kommunistischen Linken
In den oben genannten aufeinanderfolgenden Phasen handelte die Strömung, die 1921 die Kommunistische Partei Italiens gegründet hatte, nach folgenden Kriterien: Die auf der bürgerlichen und parlamentarischen Bühne behaupteten Antagonismen als Trugbild zurückweisen und den Antagonismus der Klassen bekräftigen; die Illusion im Proletariat zerstören, nach der die Mittelklassen imstande seien, einen politischen
Generalstab zu bilden, die Macht zu übernehmen und dem Proletariat den Weg zu Siegen zu ebnen; die Arbeiterklasse durch die ihr eigenen und selbständigen kritischen, politischen und taktischen Positionen, die sich in den aufeinanderfolgenden Entwicklungsphasen fest miteinander verknüpfen, vorbereiten, so dass sie Vertrauen in ihre eigene geschichtliche Aufgabe fasst.
Die Traditionen dieser Politik sind bereits vor dem Krieg beim linken Flügel der Sozialistischen Partei erkennbar. Seit den Parteitagen von Reggio Emilia (1912) und Ancona (1914) formierte sich in der PSI nicht nur eine Mehrheit, die in der Lage war, dem reformistischen und zugleich dem syndikalistischen Irrweg entgegenzutreten (letzterer stand bis zu diesem Zeitpunkt für die proletarische Linke), sondern innerhalb dieser Mehrheit trat auch deutlich eine äußerste Linke auf, die auf immer radikalere und klar proletarische Lösungen hinarbeitete. Wichtige Klassenfragen wie die einzuschlagende Taktik hinsichtlich der Wahlen, der Beziehungen zu den Gewerkschaften, des Kolonialkrieges und der Freimaurerei, konnten so richtig gelöst werden.
Zwar stellte sich die ganze, oder fast die ganze Partei während des Weltkrieges gegen eine Politik des Burgfriedens52, doch die Arbeit einer klar erkennbaren radikalen Linken innerhalb ihrer Reihen trug sehr viel eindeutigere Züge. Auf den Versammlungen von Bologna (Mai 1915), Rom (Februar 1917), Florenz (November 1917) und auf dem Parteitag von Rom im Jahre 1918 vertrat sie leninistische Richtlinien, so die Ablehnung des nationalen Verteidigungskrieges und den revolutionären Defätismus, die Ausnutzung der militärischen Niederlage, um die Machtfrage zu stellen, den fortwährenden Kampf gegen die gewerkschaftlichen und parlamentarischen opportunistischen Führer und die Forderung ihres Ausschlusses aus der Partei.
Die Richtlinie der Linken manifestierte sich gleich nach Kriegsende in der Herausgabe der Zeitung Il Soviet53, die als erste die Richtlinien der russischen Revolution darlegte und gegen antimarxistische, opportunistische, syndikalistische und anarchistische Auslegungen verteidigte. Ebenso sind die wesentlichen Fragen der proletarischen Diktatur und der Aufgabe der Partei richtig gestellt worden, wobei von Anfang an die Spaltung von der PSI gefordert wurde.
Diese Gruppe trat für die Wahlenthaltung 54 ein; der II. Kongress der Internationale lehnte ihre diesbezüglichen Thesen ab55. Wie auch die scharfen Polemiken gegen die anarchistische Presse bezeugen, lagen dem Wahlboykott jedoch keine theoretisch anti-marxistischen Irrtümer des anarchosyndikalistischen Typus zugrunde. Denn erstens sollte die Taktik des Wahlboykotts in den Ländern angewandt werden, in denen das politische Terrain seit langem von der parlamentarischen Demokratie beherrscht wird, die besondere Schwierigkeiten erzeugt, um die Massen zu gewinnen und deren Verständnis für den Begriff der Diktatur den Weg zu ebnen, Schwierigkeiten, die, wie wir glauben, in der Internationale noch immer
unzureichend bewertet werden.
Zweitens wurde die Wahlenthaltung nicht als Taktik für alle Zeiten vorgeschlagen, sondern für die heute leider nicht mehr bestehende allgemeine Situation, in der große Kämpfe bevorstehen und sich breiteste Arbeitermassen in Bewegung setzen. Mit den Wahlen von 1919 öffnete die bürgerliche Regierung Nitti einen riesigen Abzugskanal für den proletarischen Druck und lenkte den Aufschwung der Arbeiter und die Aufmerksamkeit der Partei ab, indem sie ihre Traditionen der exzessiven Wahltätigkeit ausnutzte. Der Wahlboykott des Il Soviet war damals die einzig richtige Reaktion auf die wirklichen Ursachen der nachfolgenden proletarischen Niederlage.
Auf dem Parteitag von Bologna (Oktober 1919) forderte allein die den Wahlboykott vertretende Minderheit die Spaltung von den Reformisten; vergeblich versuchte sie, sich mit einem Teil der Maximalisten hierüber zu einigen, indem sie den Boykott nicht zur Prämisse machte. Nach dem Scheitern
dieses Versuchs war die wahlboykottistische Fraktion die einzige, die bis zum II. Weltkongress auf nationalem Maßstab für die Bildung der Kommunistischen Partei arbeitete.
Sich auf die eigenen Erfahrungen und Traditionen der Linken des italienischen Proletariats stützend, handelte diese Gruppe aus sich heraus nach den Richtlinien, die sich zur gleichen Zeit mit dem Sieg Lenins und des Bolschewismus in Russland behaupteten.
3. Tätigkeit der linken Parteiführung
Nach der Gründung der Kommunistischen Partei Italiens in Livorno (Ende Januar 1921) unternahmen die Wahlboykottisten alle Anstrengungen für einen engen Zusammenschluss mit den anderen Gruppierungen der Partei. Bildete für manche dieser Gruppen nur die Frage der internationalen Beziehungen die Grundlage der Spaltung von den Opportunisten, bestand für die Linke der Partei, die inzwischen aus Gründen der Parteidisziplin ausdrücklich auf ihre Position zum Parlamentarismus verzichtet hatte, und auch für viele andere eine völlige Übereinstimmung zwischen den Thesen der Internationale und den Lehren aus den eigenen politischen Erfahrungen.
Die Parteiführung richtete ihre Tätigkeit an der Auffassung der italienischen Lage und den Aufgaben des Proletariats aus, die wir oben dargelegt haben. Unstrittig ist heute, dass die Verspätung bei der Gründung der revolutionären Partei – wofür den anderen Gruppen die Verantwortung anzulasten ist – den späteren Rückzug des Proletariats unvermeidbar machte und ihn unweigerlich bedingte.
Um den weiteren Kämpfen der Arbeiterklasse die bestmöglichen Stellungen zu verschaffen, stützte die Führung ihr Vorgehen auf die Notwendigkeit, keine Anstrengung zu scheuen, um den traditionellen Apparat der roten Organisationen nutzbar zu machen, zugleich aber das Proletariat zu überzeugen, nicht auf Maximalisten und Reformisten zählen zu können, die so weit gingen, einen Friedenspakt mit den Faschisten zu unterzeichnen.56
Gleich nach ihrer Gründung stellte die Kommunistische Partei den Grundsatz der gewerkschaftlichen Einheit auf und erhob die zentrale Forderung der Einheitsfront, die mit der Bildung des „Bündnis der Arbeit“ ihren Höhepunkt fand. 57 Abgesehen von den verschiedenen Ansichten zur politischen Einheitsfront steht faktisch fest, dass diese in der italienischen Situation von 1921-22 undurchführbar war und dass die Kommunistische Partei niemals zu einer Versammlung eingeladen wurde, auf der ein Parteienbündnis gegründet werden sollte. An der von den Eisenbahnern einberufenen Versammlung zur Bildung des gewerkschaftlichen Bündnisses nahm die Partei nicht teil, um nicht Hand zu Manövern zu bieten, die das Bündnis selbst hätten kompromittieren und die Verantwortung der Partei hätten einfordern können; doch machte sie im Vorhinein deutlich, diese Initiative ins Leben gerufen zu haben und die Kommunisten gegenüber dem neuen Organ Disziplin einhalten würden. Dennoch gab es anschließend Kontakte mit politischen Parteien, die die Kommunistische Partei durchaus nicht verweigerte, doch die Gespräche führten zu nichts, was die Unmöglichkeit einer Verständigung auf politischem und praktischem Terrain wie auch den Defätismus der anderen Gruppen erneut unter Beweis stellte. Auch während des Rückzugs verstand es die Partei, das Vertrauen der Arbeiter in die eigene Klasse zu behaupten und das politische Bewusstsein der Avantgarde zu stärken, indem sie die üblichen Machenschaften der pseudo-revolutionären Grüppchen und Parteien gegenüber der Arbeiterklasse rechtzeitig vereitelte. Trotz den Anstrengungen der Partei kam es erst spät, nämlich im August 1922, zum Generalstreik; die proletarische Niederlage war jedoch nicht mehr zu verhindern und der Faschismus, dessen Terror von den durch die liberale Demokratie gestützten staatlichen Kräften offen unterstützt wurde, war von da an Herr der Lage, erst später, mit dem „Marsch auf Rom“, legalisierte er seine Herrschaft auch formell.
Obwohl sich der proletarische Aktionsradius einengte, überwog der Einfluss der Partei zu diesem Zeitpunkt den von Maximalisten und Reformisten, nachdem ihre Fortschritte schon zuvor bei den Wahlergebnissen von 1921 und den folgenden großen Tagungen im Gewerkschaftsbund festzustellen waren.
4. Beziehungen zwischen der italienischen Linken und der Kommunistischen Internationale
Auf dem 2. Parteitag [der PCd‘I] in Rom (März 1922) wurde eine zwischen der italienischen Linken und der Mehrheit der Internationale bestehende theoretische Divergenz formuliert, die zuvor von unseren Delegationen auf dem III. Weltkongress und auf der Erweiterten Exekutive im Februar 1922 ziemlich schlecht dargelegt worden war, insbesondere auf dem III. Kongress wurden wirkliche Fehler im „linksradikalen“ Sinn begangen. 58 Die „Römer Thesen“ liquidierten auf theoretischer und politischer Ebene jede Gefahr von Links-opportunismus in der italienischen Partei. 59
Soweit es die praktische Arbeit in der Partei betraf, war nur hinsichtlich der Taktik gegenüber den Maximalisten eine Divergenz mit der Internationale aufgetreten; sie schien jedoch durch die auf dem 18. Parteitag der PSI im Oktober 1921 in Mailand gezeigte Einheit gegenstandslos geworden zu sein. 60
Die „Thesen von Rom“ wurden nicht als unmittelbare Aktionslinie, sondern als Beitrag der Partei zu den Beschlüssen der Internationale verabschiedet. Dies wurde auf der Erweiterten Exekutive in 1922 61 von der italienischen Parteiführung bekräftigt, die theoretische Diskussion darüber eben infolge des Beschlusses der Internationale und aus Disziplin nicht eröffnet.
Doch die Internationale (August 1922) teilte nicht die Lageeinschätzung und die dementsprechenden Leitsätze der italienischen Zentrale, sondern hielt die Situation im Sinne einer verringerten Abwehrkraft des Staates für instabil; sie beabsichtigte, die Partei durch die Verschmelzung mit den Maximalisten zu stärken, wobei für diese Entscheidung nicht die Lehren, die die Partei aus den Erfahrungen der Auguststreiks gezogen hatte, ausschlaggebend waren, sondern die Spaltung zwischen Maximalisten und Unitaristen 62.
Von diesem Moment an gehen die beiden politischen Linien definitiv auseinander. Auf dem IV. Weltkongress (Dezember 1922) widersetzte sich die linke Zentrale unserer Partei der in der Internationalen mehrheitlich angenommenen These, die die Verschmelzung mit den Maximalisten verlangte, 63 und die
Delegierten lehnten, nach Italien zurückkehrt, einstimmig die Verantwortung dafür ab; die Fusionsverhandlungen wurden einem Ausschuss übergeben, gleichwohl behielt die Zentrale natürlich ihre administrativen Funktionen bei. Im Februar 1923 setzten die Verhaftungen und die faschistische Offensive
gegen die Partei ein; schließlich wurde im Juni 1923 auf der Erweiterten Exekutive der Internationale die alte Zentrale abgesetzt und durch eine neue, gänzlich andere ersetzt. Umstände, angesichts derer der Rücktritt eines Teils der Zentrale ein einfacher und folgerichtiger Schritt war. Noch auf der Parteitagung im Mai 1924 in Como hatte die Linke die erdrückende Mehrheit gegenüber dem Zentrum und der Rechten. So war die
Situation am Vorabend des V. Weltkongresses.
5. Der Ordinovismus als Tradition der jetzigen Zentrale
Die Gruppe „Ordine Nuovo“ entstand in Turin unter einigen Intellektuellen, die mit der Industriearbeiterschaft zu einer Zeit Kontakt aufnahmen, in der die abstentionistische Fraktion hier bereits eine breite Anhängerschaft hatte. In der Ideologie jener Gruppe herrschten bürgerliche, idealistische, von
Croce 64 beeinflusste philosophische Anschauungen vor, die natürlich gewisse Änderungen erfuhren und noch erfahren. Sehr spät und noch mit ihren ursprünglichen Fehlern behaftet, legte diese Gruppe die kommunistischen Richtlinien aus. Die Bedeutung der russischen Revolution verstand sie zu spät, als dass sie ihre Lehren für den italienischen Arbeiterkampf hätte nutzen können. In einem im November 1917 im „Avanti!“ veröffentlichten Artikel hatte Genosse Gramsci geschrieben, die russische Revolution habe den historischen Materialismus von Marx und die Theorien des „Kapital“ widerlegt und gab eine im Wesentlichen idealistische Erklärung der russischen Ereignisse. 65 Die Strömung der Linken, der auch die Jugendorganisation angehörte, bezog sofort Stellung gegen diesen Artikel.
Wie aus den Veröffentlichungen des „Ordine Nuovo“ ersichtlich, entwickelte die ordinovistische Gruppe ihre Anschauungen in Richtung einer nicht-marxistischen und nicht-leninistischen Theorie der Arbeiterbewegung; darin sind die Fragen zur Rolle der Gewerkschaften und der Partei, die Fragen des
bewaffneten Kampfes, der Machteroberung und der Errichtung des Sozialismus falsch gestellt. Stattdessen wurde die Auffassung einer umfassenden, nicht „freiwilligen“, sondern „notwendigen“, mit der industriellen Produktionsmaschinerie eng verhafteten Organisierung der Arbeiterklasse entwickelt. 66
Dieses System geht vom Abteilungskommissar aus, geht über den Fabrikrat und gipfelt gleichzeitig in der proletarischen und Kommunistischen Internationale, dem Rätesystem und dem Arbeiterstaat, der in einem solchen System bereits vor dem Sturz der kapitalistischen Macht existent wäre. Mehr noch, die Forderung der Kontrolle über die Produktion macht die Funktionen dieses Systems bereits in der bürgerlichen Epoche zu Funktionen des Aufbaus einer neuen Wirtschaftsform.
Alle nicht-marxistischen Positionen dieser Ideologie (Utopismus, Syndikalismus Proudhon‘scher Färbung, ökonomischer Gradualismus vor der Machteroberung, also Reformismus) wurden scheinbar aufgegeben, um sie jeweils durch die völlig anderen Theorien des Leninismus zu ersetzen. Doch diese Ersetzung hätte sich nur dann in nicht-äußerlicher und nicht-künstlicher Weise vollziehen können, wenn sich die ordinovistische Gruppe nicht gegen jene Gruppe abgegrenzt und gestellt hätte, die – wie wir gezeigt haben – auf linke und eigenständig mit der bolschewistischen Richtung übereinstimmende Traditionen zurückgreifen konnte und einen ernsthaften Beitrag – nicht auf der Grundlage akademischer Studien bürgerlicher Schriften, sondern auf Grundlage der proletarischen Klassenerfahrung – geleistet hatte. Natürlich schließt dies nicht aus, dass auch die zweite Gruppe durch eine enge, doch dann nicht zustande gekommene Zusammenarbeit hätte lernen und wachsen können. Unter diesen Umständen entbehrt es jedoch nicht der Ironie, wenn die ordinovistischen leaders gerade diejenigen bolschewisieren wollen, durch die sie erst auf den bolschewistischen Weg gebracht wurden, dies eben im ernsten und marxistischen Sinn des Wortes, und nicht durch mechanische, bürokratische und redselige Methoden.
Bis kurz vor dem Weltkongress von 1920 sprach sich die Gruppe „Ordine Nuovo“ gegen die Spaltung der alten sozialistischen Partei aus und stellte alle gewerkschaftlichen Fragen falsch dar. Der Vertreter der Internationale in Italien musste über die Fragen der Fabrikräte und vorzeitigen Bildung von Sowjets eine scharfe Polemik gegen sie führen.
Die Turiner Sektion der PSI stimmte im April 1920 den bekannten, vom Genossen Gramsci verfassten und von dem aus Ordinovisten und Wahlboykottisten bestehenden Ausschuss angenommenen Thesen zu. 67 Diese in den Leitsätzen des II. Kongresses erwähnten Thesen gaben tatsächlich – abgesehen von der Meinungsverschiedenheit bezüglich der Wahlbeteiligung – das gemeinsame Denken der in Bildung begriffenen kommunistischen Fraktion wieder; ihr Inhalt bestand nicht in den besonderen Konzeptionen des Ordinovismus, sondern in den viel früher vom linken Flügel der PSI mit absoluter Klarheit angenommenen Thesen.
Eine Zeitlang schlossen sich die Ordinovisten den Positionen der Linken gegenüber der Internationale an, tatsächlich aber teilten sie nicht die in den „Thesen von Rom“ formulierten Auffassungen, obschon sie es für opportun hielten, für sie zu stimmen.
Der wirkliche Vorläufer der jetzigen Annahme der Taktik und allgemeinen Linie der Internationale seitens der Ordinovisten war Genosse Tasca, der die Opposition gegen die Linke auf dem Parteitag in Rom begründete.68
Angesichts der Merkmale der ordinovistischen Gruppe, ihres Partikularismus und Konkretismus (Abkömmlinge der idealistischen und bürgerlichen Ideologie) und angesichts der Tatsache, dass die Führungsmethode der Internationale Raum für oberflächliche und halbherzige Beitritte lässt, muss man
annehmen, dass, wenn wir die lautstarken Orthodoxie-Bekundungen der Ordinovisten einmal beiseitelassen, deren theoretisches Bekenntnis (was für die tatsächlichen, sich ankündenden politischen Entwicklungen von entscheidender Bedeutung ist) zum Leninismus nicht viel mehr Wert hat als ihre damalige Annahme der „Thesen von Rom“.
6. Die politische Tätigkeit der heutigen Parteizentrale
Von 1923 bis heute hat die Tätigkeit der Parteizentrale – auch wenn man sich die schwierige Situation vor Augen hält, in der sie entfaltet werden musste – zu Fehlern geführt, die wesentlich mit denen verknüpft sind, die wir schon bei den „internationalen Fragen“ benannt haben; zum Teil aber sind sie den Abweichungen anzulasten, die der ordinovistischen Konzeption ursprünglich eigen sind.
Die Teilnahme an den Wahlen von 1924 war eine sehr richtige politische Entscheidung, was sich jedoch nicht vom zuvor den sozialistischen Parteien unterbreiteten Vorschlag zum gemeinsamen Wahlkampf, noch dazu unter dem Etikett der „proletarischen Einheit“, behaupten lässt; ebenso bedauerlich war die zu weit gehende Toleranz gegenüber gewissen Wahlmanövern der „Terzini“ 69. Noch größere Schwierigkeiten tauchten in der nach der Ermordung Matteottis hervortretenden Krise auf. 70
Die Politik der Zentrale gründete sich auf die absurde Einschätzung, die Schwächung des Faschismus würde zunächst die Mittelklassen und erst dann das Proletariat in Bewegung setzen. Einerseits bekundet diese Auslegung Misstrauen in das Klassenvermögen des Proletariats, das indes selbst während der
erdrückenden faschistischen Gewaltaktionen wachsam geblieben war, andererseits eine Überschätzung des Initiativvermögens der Mittelklassen.
Abgesehen von den klaren theoretischen Positionen des Marxismus hierzu haben gerade die Erfahrungen in Italien gelehrt, dass sich die Mittelschichten manövrieren lassen und sich passiv dem jeweils Stärksten anschließen: 1919-20 dem Proletariat; 1921/22/23 dem Faschismus; heute, nach einer Periode großer Unruhe in den Jahren 1924-25, wieder dem Faschismus.
Statt das Parlament zu verlassen und an den ersten Versammlungen der „Aventianer“ teilzunehmen, hätte die Zentrale die Anweisung geben müssen, im Parlament zu bleiben, um von dieser Bühne aus die Regierung anzugreifen und zum anderen sofort Stellung gegen die präjudiziell verfassungsrechtliche und moralische Position des „Aventin“ zu beziehen, denn diese Form des Protestes war ein entscheidender Faktor für den Ausgang der Krise zugunsten des Faschismus. Möglicherweise hätte der Auszug der Kommunisten aus dem Parlament sogar zweckmäßig sein können, doch nur mit eigener Physiognomie und wenn die Lage erlaubt hätte, die Massen zur direkten Aktion aufzurufen. Es war einer jener Momente, in denen die Weichen für die
weitere Entwicklung gestellt werden; es handelt sich also um einen grundsätzlichen, für die Beurteilung der Fähigkeiten einer Führungsgruppe maßgeblichen Fehler, der zur Folge hatte, dass die Arbeiterklasse die Schwächung des Faschismus und dann das aufsehenerregende Scheitern des „Aventin“ überhaupt nicht ausnutzen konnte.
Der Wiedereintritt im November 1924 in das Parlament und die Erklärung von Repossi 71 waren von Vorteil, wie auch die Welle der Zustimmung im Proletariat zeigte, jedoch zu spät. Die Zentrale hatte lange hin und her geschwankt und entschloss sich schließlich nur unter dem Druck der Partei und der Linken zu diesem Schritt.
Die Partei war nur durch blasse Anweisungen und eine geradezu unglaublich falsche Lageeinschätzung (Bericht Gramscis vor dem Zentralkomitee, August 1924) darauf vorbereitet worden. Der schlechten Vorbereitung der Massen, die nicht auf das Scheitern, sondern den Erfolg des „Aventin“ ausgerichtet war,
wurde die Krone aufgesetzt, als die PCd‘I den Oppositionsparteien vorschlug, sich als Gegenparlament zu konstituieren. Dieser taktische Schritt ging weit über die Beschlüsse der Internationale hinaus, in denen niemals Vorschläge an bürgerliche Parteien in Erwägung gezogen wurden, und es war einer jener Schritte, mit denen dem Terrain der kommunistischen Prinzipien und Politik sowie dem der marxistischen Geschichtsauffassung der Rücken gekehrt wird. Ungeachtet jeder Erklärung, mit der die Zentrale versuchen mochte, die Absichten und Ziele ihres Vorgehens darzulegen, eine Erklärung, die ebenfalls nur begrenzten Widerhall gefunden hätte, ist sicher, dass sie in den Massen die Illusion eines oppositionellen, den herkömmlichen Staatsapparat bekämpfenden Gegenstaates genährt hat, während nach unserer programmatischen historischen Perspektive einzige Grundlage eines Gegenstaates die alleinige Vertretung der produzierenden Klasse sein kann, der Sowjet.
Die sich landesweit auf die Arbeiter- und Bauernkomitees stützende Losung des Gegenparlaments bedeutete, den proletarischen Generalstab den Wortführern kapitalistischer Gruppierungen, wie Amendola, Agnelli, Albertini72 usw. anzuvertrauen. Abgesehen von der Gewissheit, dass eine solche Situation – die man nur mit dem Ausdruck Verrat bezeichnen könnte – faktisch nicht eintreten wird, bedeutet schon die Tatsache, eine solche Losung als
Perspektive eines kommunistischen Vorschlags vorzulegen, einen Verstoß gegen die Prinzipien und eine Schwächung der proletarischen Vorbereitung.
Die tagespolitische Arbeit der Zentrale gibt Anlass zu weiterer Kritik. Gang und gäbe waren Losungen, die gar nicht zu verwirklichen waren und nicht einmal zu einer deutlich sichtbaren Agitation außerhalb des Parteiapparates führten. Die zentrale Losung der Arbeiter- und Bauernkomitees, die nur widersprüchlich und verworren erklärt wurde, wurde weder verstanden noch befolgt.
7. Gewerkschaftsarbeit der Partei
Ein anderer schwerwiegender Fehler wurde beim Metallarbeiterstreik im März 1925 73 begangen. Die Zentrale sah nicht, dass die Enttäuschung des Proletariats über die Erfahrung des „Aventin“ ein allgemeines Aufleben des Klassenkampfes in Form einer Streikwelle voraussehen ließ. Hätte sie dies verstanden, wäre es möglich gewesen, die FIOM – mithilfe der Bildung eines Agitationsausschusses der Metallbetriebe und gestützt auf die äußerst streikwilligen Ortsverbände – entschlossen bis hin zum landesweiten Streik voranzutreiben, ebenso wie sie die FIOM dazu hatte bringen können, in den von Faschisten initiierten Streik einzugreifen.
Die gewerkschaftliche Linie der Zentrale war nicht eindeutig auf die Losung der Einheit innerhalb des Gewerkschaftsbundes ausgerichtet, denn trotz dessen organisatorischer Zersetzung hätte man dieser Losung treu bleiben müssen. In den gewerkschaftlichen Direktiven der Partei machten sich ordinovistische Auffassungen hinsichtlich der Arbeit in den Fabriken bemerkbar, in denen nicht nur zahlreiche und sich wiedersprechende Organe gebildet bzw. vorgeschlagen wurden, sondern überdies oftmals Losungen ausgegeben wurden, die die Gewerkschaft und ihre Notwendigkeit als Organ des Arbeiterkampfes abwerteten.
Das unglückliche Abkommen mit der FIAT in Turin 74 war eine Folge dieses Fehlers, wie auch die unklare Richtlinie bei den Betriebswahlen: hier wurde die Frage, ob die Taktik der Klassenlisten oder der Parteilisten einzuschlagen sei, falsch, d.h. nicht auf dem Terrain der Gewerkschaften gestellt.
8. Tätigkeit der Partei in der Agrar- und nationalen Frage
In der Agrarfrage war die Parole der Bildung von Bauernverbänden zu Verteidigungszwecken 75 berechtigt; doch wurde dies zu sehr als eine ausschließlich von oben und mithilfe eines Parteibüros auszuführende Arbeit verstanden.
Trotz der schwierigen Lage muss in dieser Frage die Gefahr einer bürokratischen Auffassung unserer Aufgaben angeprangert werden; für die anderen Tätigkeitsbereiche der Partei gilt dies nicht minder.
Die richtigen Beziehungen zwischen Bauernverbänden und Arbeitergewerkschaften müssen klar dahingehend festgelegt werden, dass die Verbände der Landarbeiter dem Gewerkschaftsbund angegliedert werden; ebenso muss zwischen Letzterem und dem Schutzverband der Bauern ein enges Bündnis auf
Landes- und Ortsebene bestehen.
In der Agrarfrage sind sich bereits abzeichnende Tendenzen einer auf Regionen oder auf Süditalien konzentrierten Sichtweise zu vermeiden. Das gleiche gilt auch für regionale Autonomieforderungen, die von gewissen neuen Parteien ins Spiel gebracht wurden: Statt mit ihnen trügerische Verhandlungen
aufzunehmen, sind sie offen als reaktionäre Parteien zu bekämpfen.
Die Taktik, ein Bündnis mit dem linken Flügel der Volkspartei (Miglioli 76) und der Bauernpartei zustande zu bringen, führte zu negativen Ergebnissen.
Wieder machte man Politikern, die außerhalb jeder Klassentradition stehen, Zugeständnisse, ohne dass die Partei dadurch, wie beabsichtigt, die Massen in Bewegung bringen konnte, Teile der Parteiorganisation sind dadurch oftmals verunsichert worden. Falsch ist auch, die Manöver unter den Bauern im Hinblick auf die Auswirkungen einer politischen Kampagne gegen den Einfluss des Vatikans zu überschätzen; natürlich stellt sich dieses Problem, wird aber so unzureichend gelöst.
9. Die Organisationsarbeit der Zentrale
Nach dem faschistischen Speerfeuer zeitigte die Arbeit zur Reorganisation der Partei zweifellos gute Ergebnisse. Die organisatorische Arbeit behielt jedoch den viel zu technischen Charakter bei, statt die Zentralisierung durch klare und einheitliche, von jedem Genossen und jedem Ortsausschuss anwendbare statutarische Regeln und nicht einfach durch das Eingreifen des Führungsapparates sicherzustellen; besser wäre man voran gekommen, wenn man den Basisorganisationen zugestanden hätte, ihre eigenen Ausschüsse wieder selbst zu wählen, vor allem in der günstigsten Zeitspanne der Situation.
Die Ergebnisse des „Rekrutierungsmonats“ und die Vorteile einer solchen Kampagne wurden überbewertet. 77 Was die Zunahme und gleich darauffolgende Abnahme der Mitgliederzahl angeht (ganz zu schweigen davon, dass heute viele Elemente ebenso leicht wieder aus der Partei austreten wie sie während der Matteotti-Krise eingetreten waren), zeigt dies, dass solche Entwicklungen von einer veränderten Situation abhängen und nicht von der vermeintlich positiven Wirkung veränderter Richtlinien.
Natürlich musste die Zentrale der allgemeinen Weisung der Komintern, die Parteien auf Grundlage von Betriebszellen zu organisieren (wovon wir weiter oben schon gesprochen haben), nachkommen, doch tat sie dies nur sporadisch, zusammenhangslos und mit zahlreichen Widersprüchen behaftet, so dass erst nachwiederholtem Druck durch die Basis eine gewisse Struktur in die Sache hineinkam.
Es wäre wünschenswert, das System der Bezirkssekretäre durch eine Inspektorengruppe zu ersetzen, um so eine direkte politische, wenn nicht technische Verbindung zwischen der Zentrale und den traditionellen Basisorganisationen der Partei, den Bezirksverbänden, herzustellen. 78 Die Aufgabe der Inspektoren müsste vor allem sein, dort aktiv einzugreifen, wo die Parteiorganisation grundlegend wieder aufgebaut werden muss, um sie zu unterstützen und anzuspornen, bis sie selbst in der Lage ist, ihr normales Funktionieren wieder zu gewährleisteten.
10. Die Tätigkeit der Zentrale in der Frage des Fraktionismus Die in der Vorbereitung dieses Parteitages gipfelnde Kampagne trug nicht den Charakter einer Propagandaarbeit innerhalb der Partei und hatte insofern auch nicht den Zweck, sich die Richtlinien der Internationale anzueignen, um das kollektive Bewusstsein wirklich nutzbringend voranzubringen. Sie wurde im Gegenteil nach dem V. Kongress gezielt als Agitationskampagne durchgeführt, um auf dem kürzesten Weg und mit dem geringsten Aufwand zu erreichen, dass sich die Genossen von den Anschauungen der Linken distanzieren. Ob eine solche Methode der Schlagkraft der Partei gegenüber äußeren Feinden nützt oder schadet, danach hat man nicht gefragt; es ging allein darum, mit allen Mitteln dieses innerparteiliche Ziel zu erreichen.
Die Kritik an der Illusion, Fraktionsbildungen durch Verbote von oben unterdrücken zu können, wurde weiter oben historisch und theoretisch begründet. Der V. Weltkongress hatte der Forderung der italienischen Linken zugestimmt, von Anordnungen von oben abzusehen und andererseits ihre Verpflichtung zur Kenntnis genommen, keine Oppositionstätigkeit zu entfalten und sich an der gesamten Parteitätigkeit, wenn auch nicht der politischen Leitung, zu beteiligen. Dieses Abkommen brach die Zentrale mit einem Feldzug, der sich nicht auf theoretische und taktische Thesen stützte, der vielmehr einzelnen Genossen – auf den regionalen Parteitagen übrigens tendenziös vorgebrachte – Disziplinbrüche zur Last legte.Der im Vorfeld dieses Parteitags spontan gebildete „Verständigungsausschuss“79 sollte verhindern, dass Einzelne oder Gruppen mit Austritten reagieren und es zu einem Auseinanderbrechen kommt; es ging darum, alle Genossen der Linken auf eine gemeinsame und verantwortungsbewusste Linie festzulegen, natürlich bei strengster Wahrung der
Disziplin und der Zusicherung, das Recht aller Genossen auf Anhörung in der Partei zu respektieren. Diese Sache griff die Zentrale auf und benutzte sie für ihren Agitationsplan, indem sie die Linken des Fraktionismus und der Parteispaltung bezichtigte; durch diesen Feldzug wurde der Linken solange jede
Möglichkeit zur Gegenwehr genommen, bis man durch Druck von oben die Stimmen der Landesverbände gegen die Linke beisammen hatte.
Die Agitationskampagne ging weiterhin so vor sich, dass der Parteiapparat und die lokalen Funktionsträger nach Fraktionskriterien umbesetzt wurden, dass man die Diskussionsbeiträge der Linken in einer bestimmten Art und Weise darstellte, dass man der Linken verweigerte, durch ihre Vertreter auf den regionalen Parteitagen das Wort zu ergreifen; schließlich kulminierte das Ganze in dem ungeheuerlichen Abstimmungsverfahren, in dem die Stimmen der Abwesenden automatisch den Thesen der Zentrale zugeschlagen wurden.
Welche Mehrheitsbeschlüsse ein derartiges Vorgehen auch immer zustande bringen mag – das theoretische Bewusstsein der Partei und ihr Ansehen bei den Massen hat es nicht gefördert, sondern ernsthaft lädiert. Wenn noch schlimmere Folgen vermieden wurden, liegt das an der Zurückhaltung der Genossen der Linken, die diesen Dauerbeschuss ertrugen, allerdings nicht, weil sie ihn auch nur im Geringsten für berechtigt hielten, sondern weil ihnen das Schicksal der Partei am Herzen liegt.
11. Entwurf eines Arbeitsprogramms der Partei
Die nach Auffassung der Linken allgemeinen und besonderen Aufgaben der Partei gehen aus den in den vorhergehenden Punkten enthaltenen Prämissen hervor. Es ist jedoch von vornherein klar, dass diese Frage nur auf Grundlage der internationalen Beschlüsse in Angriff genommen werden kann. Die Linke kann also nur ein Aktionsprogramm skizzieren, das der Internationale vorzulegen ist, um über seine Durchführung seitens der italienischen Sektion zu entscheiden. Die Partei muss das Proletariat auf die Wiederaufnahme der Klassenaktion, den Kampf gegen den Faschismus vorbereiten, indem sie die Lehren aus den schmerzhaften Erfahrungen zieht, die das Proletariat in der letzten Zeit gemacht hat; zugleich muss das Proletariat darauf vorbereitet werden, sich keine Illusionen über Wendungen der bürgerlichen Politik zu machen und es über mögliche Unterstützung seitens der städtischen Mittelklassen zu desillusionieren, wobei sich auf die Lektionen der liberal-demokratischen Phase zu stützen ist, damit sich nicht wieder pazifistische Illusionen breit machen.
Die Partei wird der antifaschistischen Opposition keine gemeinsamen Aktionen vorschlagen, noch wird sie eine Politik verfolgen, die darauf abzielt, einen vermeintlich linken Flügel aus dieser Opposition herauszulösen oder die Positionen von einzelnen, sogenannten linken Parteien zu „verlinken“.
Um die Massen für ihr Programm zu mobilisieren, wird die Partei auf eine Einheitsfront von unten hinarbeiten, wobei stets die wirtschaftliche Lage im Auge zu behalten ist, um die unmittelbaren Forderungen aufzustellen. Die Partei wird sich hüten, eine die Freiheitsrechte garantierende Regierung als zentrale politische Forderung aufzustellen; ebenso wenig wird sie die Forderung der „Freiheit für alle“ als ein von der Arbeiterklasse zu erringendes Ziel darstellen; sie wird vielmehr Postulate formulieren, die deutlich machen, dass Freiheit für die Arbeiter mit Verletzung der Freiheit der Ausbeuter und Bourgeois identisch ist.
Angesichts der ernsten Tatsache, dass sich in den Gewerkschaften und anderen Interessensgemeinschaften80 der Arbeiter die Reihen lichten, wird die Partei vor allem die Losung zur Verteidigung der traditionellen roten Gewerkschaften bzw. deren Reorganisierung ausgeben. In der Betriebsarbeit muss die Schaffung von Organen verhindert werden, die die Wirksamkeit dieser Losung der Reorganisierung torpedieren könnten. In der aktuellen Situation wird sich die Partei für das Funktionieren der Gewerkschaften durch die „gewerkschaftlichen Betriebsabteilungen“ einsetzen, welche, insofern sie die
starke gewerkschaftliche Tradition repräsentieren, die geeigneten Organismen sind, um die Arbeiterkämpfe zu führen, deren Verteidigung heute gerade in den Fabriken möglich ist. Es muss darauf hingearbeitet werden, die illegale „commissione interna“ 81 durch die gewerkschaftlichen Betriebsabteilungen wählen zu lassen, unter dem Vorbehalt, dass sie sobald wie möglich durch die gesamte Belegschaft gewählt werden können.
Was die Organisierung auf dem flachen Lande anbelangt, gilt, was wir bezüglich der Agrarfrage bereits sagten.
Sind alle Möglichkeiten zur Organisierung der Arbeiter weitestgehend ausgeschöpft, ist die Parole der Arbeiter- und Bauernkomitees unter Beachtung folgender Kriterien zu nutzen:
- Statt zufällig und regelmäßig wiederkehrend die Parole zur Bildung von Arbeiter- und Bauernkomitees auszugeben, muss sie durch eine entschiedene Kampagne an einem Wendepunkt der Situation durchgesetzt werden, in der den Massen die Notwendigkeit einer neuen Organisierung klar vor Augen geführt wird, d.h. wenn in dieser Parole nicht eine bloße Organisationsformel, sondern eine klare Kampfparole des Proletariats erkennbar ist.
- Der Kern der Arbeiter- und Bauernkomitees darf nicht gebildet werden, indem politische Delegierte einberufen werden, vielmehr muss er aus den Massen traditionell bekannten Vertretern von Organisationen bestehen, auch wenn diese durch die Reaktion verkrüppelt wurden, wie die Gewerkschaften und ähnliche Organisationen.
- In der Folgezeit kann die Parole der Wahl dieser Komitees ausgegeben werden; in der ersten Phase muss jedoch klar sein, dass sie keine Sowjets, also Regierungsorgane des Proletariats sind, sondern Ausdruck eines lokalen und nationalen Bündnisses aller Ausgebeuteten zur gemeinsamen Verteidigung.
Was die Beziehungen mit faschistischen Gewerkschaften angeht, ist die Losung ihrer Unterwanderung, um sie von innen heraus zu zersetzen, generell abzulehnen – umso mehr, als sie heute nicht einmal formell Massenvereinigungen, denen die Arbeiter von sich aus beitreten, sondern offizielle Organe des Bündnisses zwischen Unternehmern und Faschisten sind. Die Parole des Wiederaufbaus der Gewerkschaften ist parallel mit der Parole gegen die faschistischen Gewerkschaften auszugeben.
Auf die innerparteilich zu ergreifenden organisatorischen Maßnahmen wurde zum Teil schon hingewiesen. Im Hinblick auf die gegenwärtige Lage müssen sie auf Erfordernisse abgestimmt werden, die in einem anderen Rahmen (klandestin) zu behandeln sind. Jedenfalls müssen sie dringend systematisch und in klaren und für alle verbindlichen Statuten formuliert werden, damit der wirkliche Zentralismus nicht mit blindem Gehorsam gegenüber willkürlichen und unterschiedlichen Anweisungen verwechselt wird, was für die tatsächliche Geschlossenheit der Partei gefährlich wäre.
12. Perspektiven der innerparteilichen Situation
Die politische und organisatorische innerparteiliche Lage kann im nationalen Rahmen keine definitive Lösung erfahren, sondern hängt davon ab, wie sich die innere Situation und Politik der gesamten Internationale entwickelt. Es wäre ein schwerer Fehler und ein wahres Vergehen der nationalen und internationalen Führer, wenn man der Linken gegenüber weiterhin die unsinnige Methode gebraucht, Druck von oben auszuüben und die komplexe Frage der Parteitheorie und -politik auf das persönliche Verhalten Einzelner reduziert.
Da die Linke auf ihren Anschauungen beharrt, ist allen Gefährten, die ihre Sichtweise nicht aufgeben wollen, die Möglichkeit zu geben, in einer von Absprachen und Drohungen freien Atmosphäre ihrer Verpflichtung nachzukommen, auf jede oppositionelle Arbeit verzichtend die Weisungen der Parteiorgane treu und verbindlich zu erfüllen, ohne dass von ihnen verlangt wird, sich an der Parteiführung zu beteiligen.
Es liegt auf der Hand, dass in einer theoretisch idealen Lage ein solcher Vorschlag völlig überflüssig wäre, aber es wäre gefährlich, die Partei glauben zu machen, die internen Schwierigkeiten könnten einfach mechanisch durch organisatorische Maßregeln oder persönliche Stellungnahmen aus dem Weg geräumt werden. Wer so handeln würde, müsste sich für einen schweren Anschlag auf die Partei verantworten. Nur wenn diese kleinliche Art, die Probleme zu lösen, überwunden wird und diese in ihrer ganzen Breite und Tiefe vor die Partei und die Internationale gebracht werden, lässt sich die Vergiftung des Parteilebens verhindern, und die Partei wird sich all den Schwierigkeiten zuwenden können, mit deren Lösung sie heute betraut ist.
Quellen:
Progetto di tesi per il III Congresso del partito comunista presentate dalla sinistra: Nur der 1. Teil erschien in der Parteizeitung L’Unità im Januar 1926. Der vollständige Text, der sowohl in Heft Nr. 39 der Fondazione Feltrinelli, Milano, S. 229-274, als auch im Band La fine del P.C.d’I, S. 420-457, erschien, ist
der, der in den Texten der Partito comunista internazionale: In difesa della continuità del programma comunista, Firenze, 1970, S. 91-123, erschien, wo es in einer Anm. auf S. 91 heißt, dass „der vollständige Text in Auszügen (?!) unter dem Titel Tesi per il III Congresso nel 1926 veröffentlicht wurde. (Angaben in Scritti, Bd. 9, S. 164.) Der vollständige Text ist auch in Programme Communiste, Nr. 38, April-Juni 1967 veröffentlicht.
Quelle der vorliegenden Übersetzung: Amadeo Bordiga, Scritti 1911-1926, Bd. 9, Napoli, Fondazione Amadeo Bordiga, 2014, hg. u. eingeführt von Luigi Gerosa, S. 165-215. Letztere berücksichtigte die veröffentlichte Fassung in L’Unità und das im Nachlass Bordigas aufbewahrte maschinengeschriebene
Original-Typoskript. (Gerosa, Archivio della Fondazione Bordiga, Napoli, 2013, ad nomen).
Die von uns hinzugefügten Anhänge ebenfalls aus Scritti, Bd. 9, (Anhang 5 in Bd. 8,), genauere Angaben siehe jeweils am Ende der Texte.
Fußnoten:
1) Zum 3. Parteitag der Kommunistischen Partei Italiens, der vom 21.-26. Januar 1926 aus Sicherheitsgründen geheim in Lyon (Frankreich) stattfand, stellte der linke Parteiflügel (der bis 1923 die Partei geführt hatte und auf Betreiben der Komintern-Führung in Moskau durch die Gruppe Gramsci/Togliatti/Scoccimarro abgelöst worden war) das vorliegende umfassende Thesenwerk dem Standpunkt der Parteizentrale gegenüber. In Teil I werden die theoretischen Grundfragen, in Teil II die Fragen der kommunistischen Bewegung im Weltmaßstab, in Teil III die lehrreiche Entwicklung der italienischen Fragen behandelt (in der französischen Fassung wurde dieser letzte Teil durch die „Französischen Fragen“ ersetzt). Es war das letzte Mal, dass sich die beiden wichtigsten Strömungen der italienischen Partei gegenübertraten, um ihre Richtlinien darzulegen. (Die Thesen der neuen Parteiführung, von Gramsci und Togliatti formuliert, sind nur zum Teil auf Deutsch übersetzt: Thesen 1-3, 15-25, in: Antonio Gramsci, Zu Politik, Geschichte und Kultur, Frankfurt a.M., Röderberg-Verlag GmbH, 1986, S. 148-164. Im Netz einsehbar unter www.marxists.org/deutsch/archiv/gramsci/1926/01/lyonrede.htm). Die Divergenzen in den taktischen Fragen zwischen der PCd‘I-Minderheit unter Führung Bordigas und der den Richtlinien der Komintern (KI) folgenden Parteizentrale hatten sich zunehmend auf das Grundverständnis, die Grundsätze, und Strategie der noch jungen Parteipolitik ausgedehnt – der Weg zu einer Revision des Marxismus war bereits eingeschlagen worden, aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchgesetzt. Die Diffamierung der italienischen Linken, der sinistra, war zu dieser Zeit zu offener Feindseligkeit eskaliert, die auch vor persönlichen Angriffen nicht Halt machte. Die Parteiführungen der anderen nationalen Sektionen der Komintern hatten sich diesem Feldzug angeschlossen – wobei sich insbesondere die deutsche KPD-Zentrale hervortat –, so dass sich die sinistra immer deutlicher isoliert und als „Ultralinke“ verleumdet sah. Nicht allein infolge des faschistischen Terrors, sondern mehr noch aufgrund des im Vorfeld des 3. Parteitages lancierten und vom Komintern-Präsidium unterstützten Feldzuges gegen die Linke seitens der Parteizentrale hatten sich die regionalen Parteisektionen nicht oder kaum versammeln können, um die Thesenpapiere zu diskutieren und darüber abzustimmen [zur Vorbereitung und Durchführung des Parteitages fügen wir an: Anhang 1: „Erklärung auf der 1. Plenarsitzung des Parteitages“, Anhang 2: „Rede (Bordigas) vor der politischen Kommission“]. Dass die Thesen, und nur Teil I, erst eine Woche vor dem Parteitag in L’Unita veröffentlicht wurden, ist bezeichnend für die gesamte tendenziöse Parteipresse, die die Schriften der Linken nicht oder verspätet oder nur kommentiert veröffentlichte. Der Parteitag endete mit einem überwältigenden Sieg der Parteimehrheit.
Die Neustrukturierung der Partei wurde in Lyon definitiv durchgesetzt, die Linke offiziell des Fraktionismus und der Spaltung der PCD’I beschuldigt. Nichtsdestotrotz sollte, um den Eindruck einer radikal gespaltenen Partei zu vermeiden und die Linke zu disziplinieren, dieselbe in den neu gewählten Führungsgremien vertreten sein [siehe hierzu: Anhang 3: „Für die Nichtteilnahme an den Führungsorganen der Partei“]. Schon Ende 1923, nachdem die Zusammensetzung des Parteivorstandes ausgewechselt worden war, Bordiga jedoch (nach Entlassung aus dem Gefängnis) auf Betreiben des Präsidiums des Exekutivkomitees wieder als Mitglied des Vorstandes eingesetzt werden sollte, hatte dieser die Nominierung mit der Begründung abgelehnt, keine Leitungsfunktion für eine Politik übernehmen zu können, mit der er nicht einverstanden war, sondern sich nur als einfaches Parteimitglied der Disziplin unterordnen zu wollen. Einen Ausschluss aus der Partei wollte er nach wie vor vermeiden. Er zog es vor, aus einer Randposition innerhalb der Partei zu agieren, denn nach seiner Auffassung ließen sich in der historischen Entwicklung fundierte parteiinterne Machtmechanismen nicht auf formellem Wege umkehren, sondern müssten sich aus sich selbst heraus erschöpfen, damit sich das Proletariat eine wertvolle Erfahrung zunutze machen kann.
„Man kann sich fragen, weshalb Bordiga am Ende des Parteitages so scharf reagierte. Im Grunde spitzte seine erzwungene Einbeziehung in den Parteivorstand eine bereits latent bestehende Krisensituation zu, wobei der grundsätzliche Unterschied zwischen den Positionen ans Licht gebracht wurde, die sich auf politischer Ebene schon gegenübergestanden hatten. Bordiga glaubte, in Erwartung besserer Zeiten, den Kampf der Opposition außerhalb der leitenden Parteiorgane fortführen zu können; er beabsichtigte, jede Verantwortung für den neuen Kurs der Partei zurückzuweisen.
Er verteidigte die Politik, die die sinistra in den vergangenen Jahren verfolgt hatte und in unbestimmter Zukunft zweifellos eine Renaissance erleben würde. Er wollte nichts mit Thesen zu tun haben, die im Keim die Elemente einer völligen Entstellung jedes kommunistischen Ideals, wie er es verstand, in sich trugen.“ (A. Peregalli, S. Saggioro, Amadeo Bordiga – La sconfitta e gli anni oscuri (1926-1945), Milano, Coop. Colibri, 1998, S. 87.)
Die erzwungene Einbeziehung der Vertreter der Linken in die Parteiführung (siehe hierzu Anhang 4: „Erklärung im Namen der ‚Linken‘“), die schließlich akzeptiert wurde, blieb für die sinistra nach dem 3. Parteitag die einzige Möglichkeit, den Ausschluss aus der Partei zu vermeiden und die Positionen der Linken den Parteimitgliedern darzulegen.
Die Thesen von Lyon formulieren die kritische Position der sinistra innerhalb der Komintern; sie wurden als interne Kritik verfasst, als Beitrag zur Regeneration der Internationale. Gleichwohl wird hier erstmals – nach dem Ende der revolutionären Periode der Nachkriegszeit –, also bereits 1926, eine Bilanz dieses letzten revolutionären Zyklus gezogen.
Als Quellen für Bordigas Schriften aus dieser Zeit greifen wir vor allem auf die neun Bände: Amadeo Bordiga, Scritti 1911-1926, Napoli, Fondazione Amadeo Bordiga, hg. u. eingeführt von Luigi Gerosa, zurück (hier als Scritti gekennzeichnet). Soweit nicht anders vermerkt, sind wie stets Anmerkungen in eckigen Klammern im Text sowie alle Fußnoten von d.Übs.
2) PCd’I: Partito Comunista d’Italia (Kommunistische Partei von Italien), Sektion der Dritten Internationale. Unter der neuen Parteiführung (Gramscis, Togliattis) ab 1924 wurde diese internationalistische Kennzeichnung de facto aufgegeben. Offiziell lautete der Name erst nach dem Ende der Dritten Internationale PCI.
39 Siehe auf dieser Seite: 1921-12-31 – Römer Thesen. [Rubrik: Alpha] (Der Text u.a. wird zu gegebener Zeit revidiert und ergänzt.)
4) KI: Kommunistische Internationale, auch Komintern, Dritte Internationale.
5) Ital.: spurio rivoluzionarismo.
6) „Nun, das ist eben eins der Hauptmerkmale der politischen Arbeiterparteien, daß sie nur die Minderheit ihrer Klasse umfassen können unter den kapitalistischen Verhältnissen, (...)“ (Protokoll des II. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, S. 87. Die Protokolle der Weltkongresse der Komintern sind im Verlag der Kommunistischen Internationale 1921 u. 1923 erschienen, Moskau. Nachdruck d. Ausg.: Hamburg, Berlin, Carl Hoym Nachf., 1971, 1978, 1983, 1984 u.a. (Reprint: Erlangen, Karl-Liebknecht Verlag, 1971, 1972 u. 1973. Diesen entnehmen wir Zitate und Seitenangaben. Quellenverweis im Folgenden: „Protokoll, (...) Weltkongress“).
7) Immediatismus (lat.): ein deutsches Äquivalent wäre vielleicht „Gegenwartsversessenheit“, als spezifisch politischen Begriff behalten wir aber „Immediatismus“ im Sinne von Unmittelbarkeitsdenken bei. Mit diesem Ausdruck bezeichnet Bordiga jene politische Richtung, die nur die sofortige Lösung der aktuellen Tagesfragen ins Auge fasst, ohne nach deren tieferliegenden mittelbaren Ursachen zu fragen. Der sich aus dieser Auffassung ergebende Aktionismus führt auf politischer Ebene direkt in den Opportunismus, der, wie Engels in seiner Kritik des 12. Kongresses der französischen Arbeiterpartei im September 1894 sagt, „die Zukunft der Partei einem Tageserfolg opfert.“ (Brief an Lafargue, MEW 39, S. 324)
8) Diese Aussage, die Bordiga auch in seinen Schriften nach dem Zweiten Weltkrieg oft wiederholte, ist den „Thesen über kommunistische Grundsätze und Taktik“ entnommen, die auf dem 2. Parteitag der KPD (Spartakusbund) bestätigt wurden, der vom 20. bis 23. Oktober 1919 illegal in Heidelberg und anderen Städten stattfand. Veröffentlicht wurden die Thesen in Kommunismus Nr. 37, 14. Februar 1920 [dies war auch Bordigas Quelle] Wir zitieren aus der These 5. „(...) Die Anschauung, als könne man vermöge einer besonderen Organisationsform Massenbewegungen erzeugen, daß die Revolution also eine Frage der Organisationsform sei, wird als Rückfall in kleinbürgerliche Utopie abgelehnt.“ (Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band VII/1, Berlin Dietz Verlag, 1966, S. 133. Siehe auch in: Der deutsche Kommunismus – Dokumente 1915-45, 3. Aufl., hg. u. kommentiert von Hermann Weber, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1973, S. 7: Hier liegt allerdings ein Druckfehler vor: Statt Organisationsform
heißt es hier „Organisationsreform“).
9) Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft (1880). [MEW 19, S. 226], auch in: Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (1878). [MEW 20, S. 264]
10) Zur Erinnerung: Proletariat kommt von proles (lat.): Nachkommen; im Wort selbst ist demnach die enge individuelle Anschauung schon ausgelöscht.
11) Wahrscheinlich Anspielung auf Georges Sorel (1847-1922), franz. Philosoph und Vordenker des Syndikalismus, der einen Vitalismus der Arbeiterklasse verklärte und mehr aus ästhetischen als aus ökonomisch-sozialen Gründen eine Umwandlung der Gesellschaft erwartete. Die Produzentenideologie Sorels (und Proudhons) hatte einen gewissen Einfluss auf die revolutionären Syndikalisten (die in Italien lange Zeit den linken Flügel der Sozialistischen Parteien repräsentierten) und später auch auf Gramsci als Ideologen der Turiner Fabrikrätebewegung. „Der Haupttheoretiker des romanischen Syndikalismus sah seinen Platz in den Geschichtsbüchern als Überwinder des „teutonischen“ marxistischen Denkens; doch während Marx in einer leidenschaftlichen und ewigen Jugend lebendiger denn je ist, verdorrt sein altersschwacher Kritiker zwischen den letzten Zuckungen einer eklektisch bürgerlichen und verblichenen Geistesgröße. In seinen letzten intellektuellen Lebensabschnitten tappt er im Dunkeln umher, wobei er hin und wieder auf unschöne Wiese an den groben Fehlern hängen bleibt – gestern des Neokatholizismus, heute einer unglücklichen Interpretation des Leninismus und morgen wer weiß welch anderen Erscheinungen theoretischer Abgeschmacktheit.“ (Auszug aus: „Sorel e l’Internazionale“, in Il Comunista, Nr. 19, 7. April 1921; vgl. Amadeo Bordiga, Scritti, Bd. 5, S. 199).
12) Henri Bergson (1859-1941), französischer idealistischer Philosoph (Vitalismus), begründete die idealistische „Lebensphilosophie“, Kritiker des materialistischen Weltbildes und des Determinismus. Beeinflusste Sorel... und Mussolini. „Ich kenne die Kommunisten. Ich kenne sie, weil ein Teil von ihnen meine... wohlgemerkt... geistigen Kinder sind, und ich gebe mit einer Aufrichtigkeit, die zynisch erscheinen mag, zu, dass ich der erste war, der diese Leute infiziert hat, als ich ein wenig Bergson gemischt mit viel Blanqui in den sozialistischen Kreisen verbreitete.“ (Rede Mussolinis vor der Abgeordnetenkammer am 21. Juni 1921; Bordiga zitiert dies im Artikel: „Il pioniere di Bergson“, Il Comunista, Nr. 40, 26. August 1921; zitiert in: Scritti, Bd. 5, S. 468, Fußnote 4.)
Benedetto Croce (1866-1952), italienischer Philosoph und Politiker; Croce, der „Laienpapst“ (Gramsci) des ital. Bürgertums“, war Idealist, ein Jünger Hegels, führender Ideologe des nationalliberalen Italien; als Politiker war Croce Führer der liberalen Partei und Antifaschist, der in seinen Schriften das liberale, „gute alte Italien“ (italietta) des 19. Jahrhunderts beschwor. Einem Artikel Gramscis vom Februar 1917 („La città futura“) ist eine Notiz vorangestellt, in der,
wie Gramsci später sagte, „ich schrieb, dass, so wie der Hegelianismus die Prämisse der Philosophie der Praxis im 19. Jahrhundert gewesen ist (...), so könnte auch die Philosophie Croces in unseren Tagen, in unserer Generation, die Prämisse einer Wiederaufnahme der Philosophie der Praxis sein. (...) und ich war tendenziell eher Crocianer.“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte, 10 (XXIII), 1932-1935.)
Giovanni Gentile, 1875-1944; neben Croce maßgeblicher Philosoph der Jahrhundertwende, Neo-Hegelianer, gilt später als einer der führenden Intellektuellen des ital. Faschismus. Erziehungsminister im ersten Kabinett Mussolinis. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni Gentile.
13) Bezieht sich auf die Rede Lenins am 1. Juli 1921 auf dem III. Weltkongress zur „Verteidigung der Taktik“. Protokoll des III. Weltkongresses, S. 508 ff.; nachgedruckt in: LW 32, Dietz-Verlag, Berlin, S. 491-500.
14) Die Losung der „Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse“ wurde offiziell erstmals in der 3. These der „Thesen über die Taktik“ auf dem III. Weltkongress am 12. Juli 1921 ausgegeben.
15) Karl Kautsky (1854-1938), Marxist der ersten Generation, marxistischer Theoretiker und Führer der SPD und der Zweiten Internationale, der den Marxismus gegen den Revisionismus verteidigte. Seit dem Magdeburger Parteitag in 1910 wurden die Gegensätze in den Auffassungen über die Verwirklichung der proletarischen Revolution offen, 1914 befürwortete Kautsky die nationale Verteidigung und die Burgfriedenspolitik, 1916 einer der Führer der USPD. „Seit Kriegsbeginn hat es Kautsky, immer rascher fortschreitend, in dieser Kunst, Marxist in Worten und Lakai der Bourgeoisie in der Tat zu sein, bis zur Virtuosität gebracht“ [„Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“, LW 28, S. 231/232].
16) Manifest der Kommunistischen Partei. (MEW 4, S. 493)
17) Eduard Bernstein (1850-1932): Führer des opportunistischen Flügels der deutschen Sozialdemokratie und der II. Internationale; „Stammvater“ des Revisionismus: „Das, was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nennt, ist mir nichts, die Bewegung alles.“ Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Nachdruck der Ausgabe von 1899, Norderstedt, Hansebooks GmbH, 2017.
18) Pietro Nenni (1891-1980), Musterexemplar eines Opportunisten, 1914 Mitglied der Republikanischen Partei, Kriegsbefürworter, dann bei den Faschisten. 1921 Mitglied der PSI und Chefredakteur ihrer Zeitung „Avanti!“, Vertreter des rechten Flügels, der, nachdem sich die PSI im Oktober 1922 durchgerungen hatte, endlich die Reformisten auszuschließen, die kominternfeindlichen Elemente um sich sammelte und einen „Sozialistischen Verteidigungsausschuss“ bildete, um die Verschmelzung der sozialistischen Rumpfpartei mit der PCD’I zu bekämpfen.
19) Kornilow, L. G. (1870-1918), Oberbefehlshaber der zaristischen Armee, putschte gegen die Kerenski-Regierung im September 1917. Mit Hilfe der Bolschewiki und der Bewaffnung der Arbeiter konnte der Putsch niedergeschlagen werden: Diese missglückte Gegenrevolution gab den Bolschewiki den Auftrieb für ihre revolutionäre Offensive.
20) Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, geschrieben von Lenin im April/Mai 1920. Das Buch wurde vor dem II. Weltkongress an alle Delegierten des Kongresses verteilt und bildete eine Grundlage für die Beschlüsse des II. Weltkongresses der KI.