Sonntag, 08 Dezember 2019

1917-2017. ES LEBE DER ROTE OKTOBER! ES LEBE DIE ZUKÜNFTIGE PROLETARISCHE REVOLUTION!

Wir sind uns sicher, dass das Jahr 2017, der hundertste Jahrestag der Oktoberrevolution, im Zeichen eines abstoßenden und außer Rand und Band geratenen Antikommunismus stehen wird. Es wird eine Neuauflage (in einer bis zur Idiotie banalisierten Version, wie es einer herrschenden Ideologie entspricht, die nur noch den fortschreitenden Verfall der kapitalistischen Produktionsweise und all ihrer gesellschaftlichen Beziehungen zum Ausdruck bringen kann) all jener Verleumdungskampagnen und Angriffe, Mystifizierungen und Verzerrungen, Manipulationen und Falschdarstellungen geben, mit denen die Ideologen der herrschenden kapitalistischen Klasse seit dem Sturm auf den Winterpalast versucht haben, die immer dringender und dramatischer werdende Notwendigkeit der klassenlosen Gesellschaft zu bestreiten, den Kommunismus.

Ohne dass es ihnen je gelingen würde: Der Hass und die Perversion, mit dem sich die ideologische Mobilisierung der herrschenden Klasse gegenüber dem Roten Oktober manifestiert, sind der deutlichste Beweis dafür, dass ihre Angst vor dem Kommunismus immer noch lebendig ist, umso mehr aufgrund der Sackgasse, in die der Kapitalismus geraten ist, ohne zu wissen, wie er aus ihr herausfinden kann, die seine schlimmsten Alpträume nährt. Es wird aber auch und vor allem (ein weiterer Aspekt des Antikommunismus, obwohl es den Unerfahrenen nicht so erscheint) Versuche der Einbalsamierung des Roten Oktober geben, von den Erben und Nachfolgern der demokratischen Tradition in Form von Sozialdemokraten und Stalinisten, die sich in rhetorische Betriebsamkeit werfen werden, in der Hoffnung ein Stück Identität zurückzugewinnen. Sie machen es natürlich unter allen notwendigen Vorbehalten, mit den akrobatischsten Distanzierungen, mit all den Heucheleien, die wir von den Reuigen und Verrätern her kennen - mit all den Verrenkungen und Kapriolen, an die sie sich im Verlauf ihrer niederträchtigen Geschichte der letzten hundert Jahren so sehr gewöhnt haben. Die Grenzen zwischen beiden Aufgeboten sind fließend, sie überlappen sich, sind austauschbar und wechseln sich ab. Vor allem stehen sie bereit, um in einer einzigen, massiven antiproletarischen Front zu verschmelzen, wenn es der Moment erfordert. Wenn unsere Klasse zeigt, dass sie die Unterdrückung nicht mehr passiv erdulden will, der sie Tag für Tag ausgesetzt ist, und wenn sie damit droht, auf eine klassenkämpferische und revolutionäre Art und Weise zu antworten.

Zum Roten Oktober zurückzukehren, wie wir es im Laufe dieses Jahres mit Artikeln und öffentlichen Initiativen überall dort machen werden, wo es unsere Kräfte zulassen, bedeutet für uns kein pathetisches „wie wir einmal waren“, keine x-te Version der „mumifizierten Erinnerung“. Die Erfahrung von 1917 (ebenso wie die der Pariser Kommune von 1871), Endpunkt der langen Arbeit einer Partei, die 1848 begonnen hat und die die Ausbreitung des revolutionären Prozesses in Raum und Zeit voraussetzt (etwas das die bürgerliche Konterrevolution, in ihren demokratischen und sozialdemokratischen, nazifaschistischen und stalinistischen Ausprägungen für so viele Jahrzehnte blockiert hat), ist für uns ein lebendiges Material, um wertvolle Lehren zu ziehen und unverzichtbar für eine Zukunft, die sich in der Materialität der Fakten unweigerlich vorbereitet. Für uns ist „Roter Oktober!“ kein nostalgischer Slogan, keine harmlose Ikone: es ist ein Schlachtruf, den wir seit damals mit Zähnen und Klauen verteidigen, um ihn an die jüngeren Generationen weiterzureichen, die den verheerenden Zuckungen einer Produktionsweise entschlossen entgegentreten müssen, die bereits sämtliche historischen Beschränkungen der eigenen Existenz erreicht hat. Und die deshalb zerstört werden muss, bei Strafe unaussprechlichen Leids (aufgrund von Ausbeutung, Elend, Hunger, Verwüstungen, Krieg) derjenigen Spezies, die sich erst im Kommunismus schließlich menschlich nennen kann.

Hundert Jahre

Wenn wir auf die letzten hundert Jahre seit 1917 zurückblicken und uns den heutigen „Gesundheitszustand“ der kapitalistischen Gesellschaft ansehen, finden wir genügend Gründe mit dieser Produktionsweise ein für allemal Schluss zu machen. Gab es einen Moment in diesen hundert Jahren, in denen die Waffen geschwiegen haben? Zwei Weltkriege, unzählige Kriege und mehr oder weniger lokale „Konflikte“, eine unendliche Aufeinanderfolge von Invasionen und Staatsstreichen, von Überfällen und Massakern, Bombardierungen und ethnischen Säuberungen, mit zahlreichen, hunderten von Millionen Toten, ein Blutbad, das kein Ende zu nehmen scheint: im zivilisierten Europa genauso wenig wie an der „Peripherie der Hölle“, in Asien oder Lateinamerika. Aber auch wenn wir im Heute bleiben, in diesem Heute, das dem jammernden Spießer solche Sorgen bereitet, müssten die anhaltenden Zerstörungen von Leben zu denken geben, etwa im Mittleren Osten, das von sämtlichen militärischen Mächten, regionalen wie globalen, massakriert wird - oder in Afrika, das Jagdrevier für ausgedehnte Safaris der ehemaligen Kolonialmächte, die sich in Imperialmächte verwandelt haben (herrschende oder solche die Anspruch auf Herrschaft erheben), mithilfe der lokalen bürgerlichen Eliten, die in der langen Zeit der kapitalistischen Penetration herangezüchtet worden sind. Genauso zu denken geben müsste das exponentielle und beeindruckende Wachstum der Entwicklung und des Verkaufs von immer ausgefeilteren und tödlicheren Massenvernichtungswaffen, mit ihren gern gesehenen Rückwirkungen auf die Wirtschaften aller Länder - noch mehr Waren zum produzieren und verkaufen (legal oder illegal), konsumieren und schnellstmöglichen reproduzieren, um üppigen Profit zu machen und ein hinkendes BIP zu stützen... Woher kommt das wohl alles? Wollen wir wirklich auf die dumme Platitüde der herrschenden Ideologie hören, ob sie nun laizistisch oder religiös daherkommt? Das Böse, der Wahnsinn, die Unehrlichkeit, das Schlechte, das Monster, die ewige bösartige Natur des Menschen... Wollen wir uns wirklich mit ähnlichem Unsinn zufrieden geben, der die Gegenwart und Zukunft der kleinbürgerlichen Ohnmacht ausliefert, die die Arme als Zeichen der Kapitulation hebt - aber dann sofort bereit ist zu den Waffen zu greifen, „wenn das Vaterland ruft“, und gegen den jeweils aktuellen Feind in die Schlacht zu ziehen?

Und gab es auch nur einen einzigen Moment in dem die kapitalistische Wirtschaft, ob in ihren expansiven Phasen der Kapitalakkumulation oder ihren rezessiven der Überproduktion und Krise, keine Menschenleben gefordert hat – Millionen und Abermillionen von Leben sowohl im entwickelten Westen als auch in den „Entwicklungsländern“, eine immer größer werdende Masse von Proletariern, die nichts außer ihrer Arbeitskraft besitzen, für den Galeerendienst in den Fabriken, in den Bergwerken, den mehr oder weniger illegalen Werkstätten, an Land und auf dem Wasser, auf den Straßen und in den Büros. Wie viele Abermilliarden Stunden von Mehrarbeit wurden aus den Muskeln und Nerven extrahiert, aus den vom Arbeitsrhythmus, den Giften und Maschinen gemarterten Körpern, aus den von pausenloser Arbeit erschöpften Gehirnen, deren einzige Perspektive darin besteht, die immer gleichen Tage in Abfolge zu verbringen. Wie viele Millionen Morde auf Arbeit (und Attentate auf aufbegehrende und kämpfende Proletarier, auf Streikposten, im Streik, auf Demonstrationen, oder, am „einfachsten“, in den Arbeitervierteln) wurden von der bürgerlichen Klasse mit den Mitteln ihres bewaffneten Arms, der sich Staat nennt, in diesen hundert Jahren begangen? Wie viele Abermilliarden von Stunden wurden aus den Leben von Kindern, Frauen, Alten extrahiert und dabei Qualen auf Qualen akkumuliert? Wie viele Abermilliarden von unnützen Stunden auf der Suche nach einem Arbeitsplatz, bis zur Verzweiflung und oft auch bis zum Selbstmord, haben diejenigen ohne Arbeit bedrückt und gequält, nicht nur in den Ausnahmefällen einer Krise, sondern auch während der normalen Phasen des Produktionsprozesses, der auf der Anarchie der Produktion beruht? Wie lassen sich diese Leiden „quantifizieren“? Jedes mal, wenn die Lebensbedingungen der illegalen Landarbeiter beschrieben werden, der Arbeiter, die unter einstürzenden Bergwerken begraben wurden oder in Fabrikbränden verglüht sind, gehen einige bürgerliche Ideologen, einige Schreiberlinge, soweit, von „Verhältnissen wie zu Zeiten der industriellen Revolution“ zu sprechen - als bestünde der Skandal darin, dass man an diesen Orten „rückwärtsgewandt“ sei. Nein! Diese „Verhältnisse“ haben den Kapitalismus immer begleitet und werden ihn weiterhin immer begleiten, gestern, heute und morgen, über seinen gesamten Lebenszyklus aus kontinuierlichen technologischen Umwälzungen und Innovationen hinweg.

„Aber was soll man sonst machen?“, fragt der Spießer. Genau.

Eines der häufigsten verwendeten Wörter aus dem zynischen Wortschatz unserer Tage ist der „Flüchtling“. Aber wie viele millionen Flüchtlinge können wir im Zeitraum dieser hundert Jahre zählen, auf der Flucht vor Elend und Hunger, Krieg und Zerstörung, Mangel an Arbeit oder sozialer und politischer Unterdrückung? Massive Migrationsströme, Verschiebungen ganzer Bevölkerungen unter unbeschreiblichen Leiden - um wohin zu gehen? Wo befindet sich dieses „wo“, das diese Leben irgendwie retten kann, in einer Welt die vom Kapital beherrscht wird, das nur wachsen kann solange es zerstört, das sich in ewiger Konkurrenz zwischen seinen einzelnen Unternehmenssegmenten befindet, lokalen, regionalen und nationalen, gemäß dem Motto, das noch nie so gekonnt und rücksichtslos in die Praxis umgesetzt wurde „Mors tua, vita mea“ (Dein Tod ist mein Leben)?

Der jammernde Spießer ist besorgt über die Umweltzerstörung, die exponentielle Zunahme der Gewalt gegen Frauen und Kinder, die Verrohung des gesellschaftlichen Lebens auf allen Ebenen, den voranschreitenden Verfall der zwischenmenschlichen Beziehungen: der „Rassismus“, der „Populismus“, der „Maskulismus“, die „Pädophilie“, die „Frau als Objekt“ ... oh, armer Naivling! Er fordert „mehr Kontrolle, mehr Polizei, mehr Soldaten, mehr Staat“ - als wären es nicht die Instrumente mit denen sich die gleiche herrschende Klasse ausrüstet (und die sie geschickt anwendet) die für diese Grausamkeiten verantwortlich ist. Oder „mehr Kultur“, als ob es sich um eine reine Frage der individuellen Unwissenheit und Rückständigkeit handeln würde. Stattdessen haben diese materiellen und ideologischen, chemischen und psychischen Gifte schon immer die „großartigen und fortschrittlichen Geschicke“ der Klassengesellschaft begleitet, die auf der Extraktion von Mehrwert, der Suche nach Profit, der Kommerzialisierung der Individuen und Massen beruht - immer, seit sie die gerechte und notwendige Schlacht gegen die vorhergehende Produktionsweise gekämpft hat, die feudale (und sie tat es mit gezogenen Waffen). Es reicht zu sehen, wie Afrika durch das Eindringen des Kapitals, erst das koloniale, dann das imperialistische, zugerichtet wurde, mit der Verwüstung enormer Landstriche, endemischer Hungersnot ganzer Bevölkerungen, ethnischer Kriege, die künstlich angeheizt werden (teile und herrsche), die unaufhörliche Migration aufgrund von Hunger und Krankheit; oder es reicht die „Stellung der Frauen“ zu analysieren (aber materialistisch und nicht moralisch), in den „entwickelten“ wie in den „unterentwickelten“ Ländern, in den laizistischen wie in den religiösen, um sich darüber klar zu werden.

An dieser Stelle kommt meist der Einwand: „Aber wir sind doch auf den Mond geflogen, wir haben das Antibiotikum erfunden und das Internet!“ Lohnt es sich darauf zu antworten?

Heute ist die herrschende Klasse nicht in der Lage, die Krise der eigenen Produktionsweise zu lösen, so sehr sie sich auch anstrengen mag. Im Gegenteil, neue verheerende Krisen zeichnen sich am Horizont ab und es verschärfen sich die innerimperialistischen Konflikte. So akkumuliert sich der Sprengstoff, der, wenn sich jede andere „Lösung“ als unpraktikabel erwiesen hat, zu einem neuen allgemeinen Konflikt führen wird, diesmal nicht mehr lokal oder begrenzt - ein dritter Weltkrieg.

Hundert Jahre. Es scheint als wäre es gestern.

Die Notwendigkeit des Kommunismus

Der Kapitalismus ist keine Inkarnation des Teufels: Wir wissen genau, was seine fortschrittliche Funktion bei der Überwindung der vorhergehenden Produktionsweise, der feudalen, gewesen ist. Aber jetzt ist seine Zeit gekommen, und es hat die Stunde geschlagen, um seine Totenglocke zu läuten. Deshalb kommen wir auf den Roten Oktober zurück (und die Pariser Kommune), um nach vorne zu blicken: auf den notwendigen Kampf und die Organisierung um diese Produktionsweise zu besiegen, die selbst in ihrer Agonie nicht von alleine stirbt, sondern stattdessen ihr Keuchen nur noch vergifteter und zerstörerischer wird.

Auf allen Ebenen wird die Notwendigkeit des Kommunismus immer dringender, in der Wirtschaft wie in der Politik, in der Gesellschaft wie in der Umwelt oder den zwischenmenschlichen Beziehungen - sie wird dringender, weil die ideologische und materielle Vergiftung, die allgemeine Zerrüttung, die Verschlechterung der Lebensbedingungen der überwältigenden Mehrheit der Weltbevölkerung ein ungekanntes Niveau erreicht haben, das auch die Zukunft unserer gesamten Spezies bedroht.

Die herrschende Ideologie beharrt seit Jahrzehnten auf dem „Scheitern des Kommunismus.“ In Wirklichkeit ist der Kommunismus ein Kapitel das erst noch geschrieben werden muss. Der Kommunismus hat als eine Produktionsweise, die sich von der kapitalistischen radikal unterscheidet, noch gar nicht existiert, weder in Russland, noch in China oder auf Kuba oder der gesamten Landkarte der „nationalen Sozialismen“, die im Verlauf der jahrzehntelangen Konterrevolution erfunden worden sind. Nicht erst seit jetzt beharren wir darauf. Seit der Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts haben die Kommunisten einen langen und erbitterten Kampf geführt, den man durchaus heroisch nennen kann, um auf praktischer und theoretischer Ebene den falschen und schädlichen Mythos des „Sozialismus in einem Land“ zu widerlegen, und gegen all seine destruktiven Konsequenzen auf die Bewegung der Arbeiter und Kommunisten. Das zeigt mit unangreifbarer Klarheit die Erfahrung unserer Organisation: ihre gesamte Arbeit der Analyse, die Schriften und Dokumentationen und der lange und offen geführte Kampf unserer Genossen von Generation zu Generation, gegen jede Form des Revisionismus und Opportunismus. Es ist nicht unsere Absicht, hier alles das noch einmal aufzuzählen.1

1917, mitten im Weltkrieg, war Russland das schwächste Glied in der Kette des Imperialismus. Im Bündnis mit Frankreich und England, später mit den Vereinigten Staaten, also mit einer der beiden bürgerlichen Gruppen, die sich im Kampf miteinander befanden, war es zu großen Teilen ein bäuerliches und rückständiges Land, mit einer noch embrionalen kapitalistischen Entwicklung, wenngleich diese schon eingesetzt hatte. Aber die ganze Welt war am flimmern in jenen Jahren zu Beginn des Jahrhunderts: der Kapitalismus war bereits in seine aggressivste Phase eingetreten, die imperialistische, und überall (in Europa genauso wie in den amerikanischen Ländern und in Asien) erschütterten große instinktiv klassenkämpferische, proletarische Bewegungen sein Fundament und stellten sein Überleben in Frage. Diese „Globalisierung“, die bereits in die DNA des Kapitals eingeschrieben ist (bereits in seiner imperialistischen Phase ist es anonym und unpersönlich geworden, nicht mehr notwendigerweise an die „Figur“ des einzelnen Kapitalisten gebunden, sondern wird vielmehr durch den Unternehmer-Staat verkörpert), war daher bereits von einer notwendigerweise globalen Dimension der revolutionären Perspektive und des revolutionären Prozesses begleitet: bereits die Pariser Kommune war in den Worten von Engels der erste Weltkrieg des Proletariats. Die Revolution, die im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft heranreifte, konnte nur von internationaler Natur und Reichweite sein.

Unter den sozioökonomischen Bedingungen in Russland in dieser Epoche, konnte die Revolution, die von der bolschewistischen Partei geführt wurde (und sich bereits mit dem Revolutionsversuch von 1905 angekündigt hatte, der im Blut ertränkt worden war) nur eine „doppelte Revolution“ sein, wie Lenin dies sehr gut in seinen Texten gezeigt hat, wie „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie“ und die „Aprilthesen“, die auf der Analyse von Marx und Engels über die „permanente Revolution“ aufbauen.2: eine kommunistische Revolution auf politischer Ebene (weil sie sich auf das Proletariat stützt und von der bolschewistischen Partei geführt wird), aber mit bürgerlich-demokratischen Aufgaben auf ökonomischer und sozialer Ebene, vor allem aufgrund der großen Präsenz der Bauernschaft. Es ging also darum, die Macht zu ergreifen, gegen den Zar und die Bourgeoisie und, wenn diese fest in der Hand ist, in Russland den Kapitalismus einzuführen, unter staatlicher Führung in seinem Nervenzentrum, das alles in enger Verbindung mit einer „reinen Revolution“ (die ausschließlich proletarisch war, ohne bürgerlich-demokratische Komponenten) im bereits voll entwickelten Westen. Das war von Anfang an die Strategie von Lenin und den Kommunisten: Russland musste solange ausharren, bis die Macht in den Schlüsselländern Europas in die Hände der Kommunisten gefallen war, in erster Linie (aufgrund des hohen Niveaus der Entwicklung der Produktivkräfte) in Deutschland. Die Vision von Lenin enthielt kein einziges Gramm Utopismus: der „Sozialismus in einem Land“ war jedoch unmöglich, vor allem in einem rückständigen Land wie Russland. Erst wenn die Macht fest in der Hand der Genossen im Westen gewesen wäre, hätten sich die beiden Hälften vereinen und durchdringen können, und erst dann wäre der „Weg zum Sozialismus“ offen gewesen. Um zu zeigen, dass diese Strategie auch vom Proletariat bereits instinktiv begriffen wurde, reicht es, eine Episode wiederzugeben, die John Reed in seinen Zehn Tage, die die Welt erschütterten erzählt: „Ein Soldat sprach, von der rumänischen Front, abgemagert, voll bebender Leidenschaft: 'Genossen, wir hungern an der Front, wir frieren, wir sterben und wissen nicht wofür. Ich bitte die amerikanischen Genossen, es in Amerika zu sagen, daß wir Russen unsere Revolution bis zum Tode verteidigen werden. Wir werden alles daran halten, unsere Feste zu halten, bis die Massen der ganzen Welt sich erheben werden, um uns zu Hilfe zu eilen. Sagt den amerikanischen Arbeitern, daß sie aufstehen mögen zum Kampf für die soziale Revolution!'“ (Kapitel II).3

Zum Markstein dieser Perspektive wurde damals die Kommunistische Internationale, gegründet 1919 (wohlgemerkt: mitten im Bürgerkrieg, als Russland von allen kapitalistischen Ländern belagert wurde, gestern Feinde und jetzt - gegen das Proletariat - alle vereint) um die Kommunisten auf der ganzen Welt in einer einzigen Organisation und Aktion zu koordinieren. Die Verspätung und die Niederlage (wohlgemerkt: mit der Waffe in der Hand) der Revolution in Deutschland stellte sicher, dass die Revolution in Russland isoliert blieb und auf sich zurückgeworfen wurde: Bauernschaft und Kleinbürgertum, materielle ökonomische Kräfte, haben Schritt für Schritt das Beste sowohl innerhalb der bolschewistischen Partei, als auch der Kommunistischen Internationale ausgestoßen, die beide bereits durch taktisches und strategisches Schwanken untergraben worden waren. Wir haben seit ihrem ersten Auftreten mit aller Macht gegen diese Kräfte gekämpft, von Genossen zu Genossen.4

Der „Stalinismus“ war der politische Ausdruck des Übergewichts dieser ökonomischen Kräfte: einer herrschenden Klasse, so unpersönlich wie das Kapital, dessen Ausdruck sie ist, die sich auf die Bauernschaft und das Kleinbürgertum stützt. Die „demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“ wurde nach und nach durch die unpersönliche Diktatur des Kapitals ersetzt; es folgte der schnelle Sturz, sowohl auf theoretischer als auch praktischer Ebene, sämtlicher Eckpfeiler der kommunistischen Doktrin, sowohl der ökonomischen als auch der politischen. Und dem folgte die rücksichtslose Beseitigung der gesamten „alten Garde“ des Bolschewismus, eine notwendige Voraussetzung für die Beteiligung am zweiten Weltmassaker, durch das Bündnis erst mit dem einen, dann dem anderen imperialistischen Lager.

Wir müssen keine weiteren Worte mehr verschwenden, um die ganzen Lügen der Konterrevolution der letzten Jahrzehnte über unsere Klasse zu widerlegen: von der „sozialistischen Natur“ der „UdSSR“ bis zum „Zusammenbruch des Kommunismus“. Weder Sozialismus noch Kommunismus hat es in Russland je gegeben (und genau so wenig in den anderen Ländern, die im Anschluss an den Stalinismus ihren „eigenen“ „nationalen Sozialismus“ theoretisiert haben). Die Notwendigkeit des Kommunismus zeigt sich also mit aller Dringlichkeit. 

Die Bedingungen der proletarischen Revolution

Die Revolution erfindet man nicht, noch macht man sie: das hat uns der Rote Oktober bestätigt und gelehrt, der auf den theoretischen und praktischen Erfahrungen der Russischen Revolution von 1905, der Pariser Kommune von 1871 und des europäischen 1848 aufbaute. Die Revolution entwickelt sich ausgehend von objektiven und materiellen Bedingungen, welche riesige, verzweifelte und unwissende Massen dazu treiben (zwingen), sich aufzulehnen und schlussendlich zu versuchen das Regime, das sie unterdrückt und massakriert, abzuschütteln. Ja, unwissend: die Revolution ist nicht und kann nicht das Resultat einer kapillaren Ausbreitung von „Klassenbewusstsein“ sein, das irgendwie mysteriös dem „proletarischen Wesen“ entspringt, wie es so viele Spontaneisten (oder Reformisten) gerne sehen, besoffen von bürgerlichem und kleinbürgerlichem „Kulturalismus“ und „Idealismus“.

„Du willst also eine Revolution der Unwissenden?“, rufen sie entsetzt. Es ist keine Frage von „wollen“ oder „nicht wollen“: materialistisch ist es so, dass sich der revolutionäre Prozess auf diese Weise entwickelt und entwickeln wird. Die proletarischen Massen bewegen sich nicht, weil sie eine klare Vision von Taktik und Strategie, Programm und Zweck des Kommunismus haben. Sie bewegen sich und sie werden sich bewegen, weil sie verzweifelt sind, weil sie nicht mehr leben können (oder besser überleben), weil sie vom Hunger getrieben werden, vom Elend, dem Krieg, den Massakern, weil die soziale und politische Krise bereits allgemein ist und die herrschende Klasse wankt und unfähig ist dem zu begegnen. Das sind in aller Kürze die notwendigen objektiven Bedingungen damit ein revolutionärer Prozess einsetzt.

Reicht das? Ganz sicher nicht. Notwendig ist noch eine andere Bedingung, dieses mal eine subjektive, die aber eng mit den objektiven Bedingungen verwoben ist: die Anwesenheit einer aktiven, anerkannten und von einem maßgeblichen Teil der Avantgarden der Kämpfe unterstützten revolutionären Partei.

Übergeben wir das Wort an Lenin: „Solange es sich darum handelte (und insoweit es sich noch darum handelt), die Avantgarde des Proletariats für den Kommunismus zu gewinnen, solange und insoweit tritt die Propaganda an die erste Stelle; sogar Zirkel mit allen dem Zirkelwesen eigenen Schwächen sind hier nützlich und zeitigen fruchtbare Ergebnisse. Wenn es sich um die praktische Aktion der Massen, um die Verteilung – wenn man sich so ausdrücken darf von Millionenarmeen, um die Gruppierung aller Klassenkräfte einer gegebenen Gesellschaft zum letzten und entscheidenden Kampf handelt, so kann man allein mit propagandistischer Gewandtheit, allein mit der Wiederholung der Wahrheiten des 'reinen' Kommunismus nichts mehr ausrichten. Hier gilt es, nicht mit Hunderten und Tausenden zu rechnen, wie das im Grunde genommen der Propagandist als Mitglied einer kleinen Gruppe tut, die noch keine Massen geführt hat; hier muß man mit Millionen und aber Millionen rechnen. Hier muß man sich nicht nur fragen, ob wir die Avantgarde der revolutionären Klasse überzeugt haben, sondern außerdem auch, ob die historisch wirksamen Kräfte aller Klassen, unbedingt ausnahmslos aller Klassen der gegebenen Gesellschaft, so gruppiert sind, daß die Entscheidungsschlacht bereits vollauf herangereift ist, nämlich daß 1. alle uns feindlichen Klassenkräfte genügend in Verwirrung geraten sind, genügend miteinander in Fehde liegen, sich durch den Kampf, der ihre Kräfte übersteigt, genügend geschwächt haben; daß 2. alle schwankenden, unsicheren, unbeständigen Zwischenelemente, d.h. das Kleinbürgertum, die kleinbürgerliche Demokratie zum Unterschied von der Bourgeoisie, sich vor dem Volk genügend entlarvt haben, durch ihren Bankrott in der Praxis genügend bloßgestellt sind; daß 3. im Proletariat die Massenstimmung zugunsten der Unterstützung der entschiedensten, grenzenlos kühnen, revolutionären Aktionen gegen die Bougeoisie begonnen hat und machtvoll ansteigt. Ist das der Fall, dann ist die Zeit für die Revolution reif, dann ist unser Sieg – wenn wir alle oben erwähnten, oben kurz umrissenen Bedingungen richtig eingeschätzt und den Zeitpunkt richtig gewählt haben –, dann ist unser Sieg gesichert.“ (Lenin, Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Kap. 10)

Noch einmal: „Das Grundgesetz der Revolution, das durch alle Revolutionen und insbesondere durch alle drei russischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts [1905, Februar 1917, Oktober 1917 – Anm. d. Red.] bestätigt worden ist, besteht in folgendem: „Zur Revolution genügt es nicht, daß sich die ausgebeuteten und unterdrückten Massen der Unmöglichkeit, in der alten Weise weiterzuleben, bewußtwerden und eine Änderung fordern; zur Revolution ist es notwendig, daß die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können. Erst dann, wenn die 'Unterschichten' das Alte nicht mehr wollen und die 'Oberschichten' in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen.“ (Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Kap. 9)

Aus diesen beiden Zitaten (es wären auch viele andere möglich) geht klar hervor, dass das entscheidende Element, ohne das (und die Geschichte selbst zeigt es auf tragische und blutige Weise) jede „Himmelsstürmerei“ dazu verdammt ist zu unterliegen, die revolutionäre Partei ist, dass Führungsorgan der Revolution, jeder Massenbewegung, die aus dem Untergrund einer Gesellschaft emporsteigt, die sich bereits in chronischer Krise befindet. Nur aus dem Zusammenspiel dieser beiden Elemente, in einem dialektischen Verhältnis zueinander (objektive und subjektive Bedingungen: ein Proletariat, das unter dem Druck von materiellen Bedingungen dazu entschlossen ist, das bestehende Regime zu beenden; eine Partei, die sich mit der Zeit, über eine lange Arbeit im Kontakt mit der Klasse und seinen Abwehrkämpfen und Angriffen, das Vertrauen verdient hat, im konkreten und materiellen Sinn), kann sich der revolutionäre Prozess bis zur Eroberung der Macht entwickeln. Das ist die große Lektion des Roten Oktober. Und da schwafeln diese „Historiker“, diese Opportunisten, diese Schreiberlinge (die es immer gab, und die es in diesem 2017 im Überfluss geben wird!) etwas vom Roten Oktober als einem „Handstreich durch Lenin“: also von einem Putsch...! Und vergessen schön (oder verschweigen es), was den Oktober vorbereitet hat: die Revolution von 1905, der unaufhörliche Klassenkampf, der vom Zarismus geführt wurde (dem Verbündeten der „demokratischen Länder“) gegen das Proletariat und die russische Bauernschaft, die enormen Leiden an der Front ebenso wie im Hinterland, die sich wiederholenden Meutereien und Auflehnungen im Heer, der Sturz des Zaren und die Julitage, die Eroberung der Sowjets durch Teile der Bolschewisten, die bewaffnete Mobilisierung gegen den reaktionären Putschversuch von Kornilow... alles ein Reifungsprozess (und nicht nur in Russland!) den die Bolschewisten über Monate und Jahre hinweg zu nähren verstanden, zu organisieren und zu führen. Und der nicht einen „herrlichen Tag“ (oder „Nacht“), sondern zehn Tage, die die Welt erschütterten zur Folge hatte. Die Revolution wird nicht gemacht und nicht erfunden, aber sie wird organisiert und geführt: das setzt aber voraus, dass zuvor für ihre Vorbereitung gekämpft wurde und das sie von der revolutionären Partei mit dem Ziel der Machtergreifung organisiert und geführt wurde

Die Machtfrage

Das war es, worum es damals ging und worum es morgen gehen wird (ein morgen das wir vorbereiten müssen): die Eroberung der Macht. Nicht um hypothetische Verbesserungen im Rahmen der existierenden Gesellschaft. Nicht um Schönheitsreparaturen oder darum, durch ein wenig Schminke die Falten zu verdecken. Kurz gesagt, nicht um demokratische oder reformistische Illusionen. Die proletarische Revolution hat die Eroberung der Macht zum Ziel: das bedeutet, die Zerstörung des bürgerlichen Staates, der mit allen seinen Apparaten das politisch-militärisch-finanziell-polizeilich-ideologische Organ der herrschenden Klasse ist - und nicht seine „Einnahme“, als wäre er ein leeres Zimmer, das man einfach neu einrichten oder ein Simulacrum, dem man neues Leben einhauchen könnte. In einer Klassengesellschaft ist der Staat kein Organ das über den Parteien steht und sich die Aufgabe gestellt hat, zwischen diesen im Sinne „des allgemeinen Wohls“ zu vermitteln: er ist das Instrument durch das die herrschende Klasse ihre Macht über die gesamte Gesellschaft und vor allem über die beherrschte Klasse ausübt.

Das Proletariat muss daher unter der Führung seiner Partei die Macht ergreifen und sie mit aller Entschlossenheit und Kühnheit, die ihm zu eigen sind, ausüben, sobald es sich aus der tödlichen Umarmung der opportunistischen, reformistischen und konterrevolutionären Parteien befreien konnte. Es muss diese Macht ausüben, sei es, um die laufende Revolution vor allen internen und externen Angriffen zu verteidigen (die – wie es die Geschichte zeigt – rasend, rücksichtslos und blutig sein werden), sei es um die despotischen Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft vornehmen zu können, die notwendig sind, um die Produktivkräfte von der Zwangsjacke der historisch überholten gesellschaftlichen Rechtsformen und Verhältnisse zu befreien. Es muss dies mithilfe der eigenen Diktatur, der Diktatur der eigenen Partei, tun, als Brücke in eine andere Gesellschaft ohne Klassen, und daher (und erst dann) ohne Staat; und es muss dies, bei Strafe des eigenen Untergangs, in einer internationalen und weltweiten Perspektive tun, und nicht in einer lokalen und nationalen.

Die Kommunisten glauben nicht, wie die Anarchisten, dass die „neue Welt“, die „neue Ordnung“, wie die Sonne am Morgen nach dem „großen Tag“ aufgeht. Ein erbitterter Kampf erwartet uns: bevor sie sagen konnten, dass sie die konzentrierten Angriffe sämtlicher gegen sie verbündeter kapitalistischen Länder zurückgeschlagen hatten, mussten die Bolschewisten über drei lange Jahre der Belagerung hinweg die eroberte Macht verteidigen. Drei Jahre voller unaussprechlicher Leiden, gegen Feinde, nicht nur äußere, die keine Kapitulation akzeptiert hätten. Auch hier wollen wir nicht mehr wiederholen, was die Kommunisten in den letzten 150 Jahren voll erbitterter Schlachten immer wieder bekräftigt haben, in Theorie und Praxis: noch einmal, hierfür reicht ein Blick in die Texte von Marx, Engels, Lenin, Trotzki und unsere eigenen, es reicht die Erfahrung der Arbeiter- und der kommunistischen Bewegung. Es gibt einfach nichts hinzuzufügen!

„Man muss die Macht übernehmen!“, hat Lenin immer wieder vor dem Oktober insistiert. Das ist eine Parole, die die Kommunisten immer ausgeben, auch wenn die Situation noch nicht reif ist, damit sie in die alltäglichen Kämpfe des Proletariats eindringt: in dem Sinne, dass es immer und überall um eine Frage der Kräfteverhältnisse geht. Das Proletariat, das in den Streiks und seinen Streikposten gegen die Schläger der Bosse kämpft und gegen die legalen und illegalen bewaffneten Banden des bürgerlichen Staates, muss nicht nur begreifen, dass über flüchtige Eroberungen hinaus (wie notwendig sie auch für das Überleben sein mögen), die Macht den Unterschied ausmacht - die regionale Organisationsmacht, die Klassensolidarität über alle Spaltungen hinweg, die entschlossene Reaktion auf jeden Schlag, der vom Feind ausgeführt wird. Egal wie viele Teilerfolge man erreicht hat, das letzte und wichtigste Problem, das bleibt, ist das der Macht, der eigenen Macht, die erobert und auf organisierte Art und Weise ausgeübt werden muss, ohne zu zögern und ohne gegenüber der alten herrschende Klasse Schwäche zu zeigen.

Dies gilt für jeden Aspekt, für jedes „Problem“, das aus der kapitalistischen Produktionsweise resultiert. Wie soll man zum Beispiel auch nur eine wirksame Reduzierung der Arbeitszeit durchsetzen, die Ausbeutung eliminieren, die Gesundheitsschädlichkeit, Ungleichheiten aller Art, grassierende Arbeitslosigkeit und das gesamte industrielle System reorganisieren, sodass es wirklich im Dienste, nicht des Profits, sondern der Bedürfnisse der menschlichen Spezies steht, ohne dass sich die Macht fest in der Hand des Proletariats und seiner Partei befindet? Oder noch einmal: kann man sich wirklich einbilden, heute das Problem der Umweltverschmutzung zu lösen, die wachsende hydrogeologische Instabilität, die eine Frucht der Anarchie des Kapitalismus ist, ohne eine zentrale Macht, zentralisiert und zentralisierend, die nicht nur für heute arbeitet, sondern auch für die zukünftigen Generationen?

Wenn man diese Notwendigkeit der Macht nicht versteht, fällt man unweigerlich in die Logik des feigen Reformismus zurück, die umso frustrierender ist, umso mehr die kapitalistische Zerstörung wächst und um sich greift. Im Gegenteil, nur wenn man die Notwendigkeit der Machtergreifung verstanden hat, und daher die einer zentralisierten Organisation für den Kampf um dieses Ziel, nur dann lassen sich auch Teilkämpfe für die Verteidigung der Lebens- und Arbeitsbedingungen mit der notwendigen Härte und Unnachgiebigkeit führen, die die eigene Stärke erkennen und sie den Gegner spüren lassen, seien es die Bosse oder der Staat mit allen seinen terroristischen Praktiken.

Gegen den imperialistischen Krieg

„Brot, Land, Frieden“: so hat die bolschewistische Partei besonders effektiv ihr Programm zusammengefasst und es, dank einer langen vorhergehenden Arbeit, verstanden, die Klasse der armen Bauern und Proletarier um sich zu scharen. „Brot“ und „Frieden“ bedeutete eine Gesellschaft im offenen Antagonismus mit den Gesetzen des Kapitals neu zu organisieren, die im Gegenteil ausbeuten, verelenden, verhungern lassen, was sich seit der Morgendämmerung der industriellen Revolution und der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise verewigt hat – Marx hat das im Kapital und Engels in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ bereits offengelegt. In dieser effektiven Synthese haben „Land“ und „Brot“ im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer schon den Kern der Programme sämtlicher Parteien, die es wert waren sozialistisch genannt zu werden, gebildet. Zu diesen musste sich, nach dem ersten imperialistischen Weltgemetzel, das dritte Element hinzugesellen: „Frieden“. Der widerliche Verrat der europäischen Sozialdemokratie, die sich (mit der Ausnahme kleiner Gruppen von Genossen) zugunsten der Kriegskredite in ihren jeweiligen Staaten erklärt hatte, bedeutete den Bruch mit der gesamten theoretischen und praktischen Tradition des Marxismus. Die genannten kleinen Gruppen von Genossen hatten sich in der Schweiz versammelt (1915 in Zimmerwald, 1916 in Kienthal) um den Kurs wiederaufzunehmen, gegen den imperialistischen Krieg, den Bürgerkrieg für die Eroberung der Macht.

Noch einmal, keine Erfindung, kein „Handstreich“ durch Lenin oder wer weiß wen: der Kommunismus ist kein blökender christlicher Pazifismus, er ist ein Schlachtruf, der Klassenkrieg, der alle Kriege beendet, der ein für alle mal die letzte Klassengesellschaft zerschlägt, die diese Kriege unvermeidlich produziert. Daran kann man auch den anderen schrecklichen und widerlichen Verrat des bereits triumphierenden Stalinismus (auch blutig, über die „alte Garde“ des Kommunismus) sehen: der sich erst auf die Seite der einen imperialistischen Front schlug und dann auf die der anderen im zweiten imperialistischen Gemetzel! „Frieden“ konnte also nur bedeuten „Krieg dem Kriege“: Ergreifung der Macht - Diktatur des Proletariats und der armen Bauern geführt von der kommunistischen Partei - sofortige Beendigung sämtlicher militärischer Aktivitäten an den Fronten des imperialistischen Krieges, auch zum Preis schwerwiegender Konzessionen.

Noch einmal, die russischen Genossen haben es verstanden diese Parolen unter den Massen zu verankern, in einer allgemeinen Stimmung der instinktiven Ablehnung sich weiter in den Schützengräben massakrieren zu lassen, nicht nur unter den russischen Proletariern und armen Bauern, sondern unter einem großen Teil der „Proletarier in Uniform“ in Europa wie in den Vereinigten Staaten und sogar in Australien. Wir haben bereits die Episoden der Verbrüderung auf beiden Seiten dokumentiert (und es wird nützlich sein, damit fortzufahren), ebenso die spontanen Bewegungen der Ablehnung des imperialistischen Krieges in diesen blutgetränkten Jahren. Was war Caporetto in Italien anderes, wenn nicht ein unmittelbares „Nein!“ zum Massaker, mit Schüssen auf die kriegstreibenden Offiziere vonseiten der Proletarier in Uniform, die leider alleingelassen wurden von einer zitternden und legalistischen Sozialistischen Partei (aber es gab noch zahlreiche andere heroische Widerstandshandlungen die ans Licht gebracht werden sollten, wie die Bewegung in Turin vom August 1917)? In Deutschland rebellierten die Matrosen der kaiserlichen Marine in Wilhelmshaven und Kiel mehrmals im Verlauf der dramatischen Jahre 1917 und 1918 und gründeten Soldatenräte. In Frankreich nahmen die Akte der Auflehnung bereits ab 1916 zu und erreichten ihren Höhepunkt in den weitverbreiteten Meutereien im Frühjahr 1917 in der Hölle der Schützengräben von Chemin des Dames und anderen Orten (30.000 Soldaten die es ablehnten zu kämpfen; rund 3500 Verurteilungen, 554 zum Tode, davon 50 ausgeführt). Hinzu kommt die Rebellion russischer Soldaten in La Courtine, mit der Gründung eines lokalen Sowjets (eine Episode, die lange von den französischen Autoritäten geheim gehalten wurde, aber von John Reed mit zahlreichen Referenzen und Details in seinen Zehn Tage, die die Welt erschüttern erzählt wird). Die englischen Soldaten in Frankreich bildeten da keine Ausnahme (vor allem im Zusammenhang mit dem blutigen Horror der Schlachten von Ypern und Passchendaele), unterstützt von einer antimilitaristischen Bewegung in der Heimat, in den proletarischen Vierteln von Clydeside, Galles del Sud, Yorkshire, Lancashire. In den Vereinigten Staaten führten die Industrial Workers of the World eine entschlossene antimilitaristische Kampagne auf klassenkämpferischer Grundlage und wurden zum Objekt einer wütenden und rücksichtslosen Repression, und die Linke in diesem großen Zirkus der Socialist Party of America zwang die Partei dazu, wenigstens eine neutrale Position zu beziehen und ihre Gegnerschaft zum Krieg zu erklären. In Australien schlug im September 1916 die Verhaftung der „Zwölf von Sydney“ großen Lärm, militante Arbeiter und Mitglieder der Industrial Workers of the World, die des Verrats angeklagt wurden und der Aufwiegelung aufgrund ihrer intensiven Aktivität gegen die Wehrpflicht...

Das sind nur einige Beispiele. Aber sie zeigen auf der einen Seite die Breite der Mobilisierung (auch der instinktiven, spontanen) gegen den Krieg aufseiten des Weltproletariats, und auf der anderen die internationale und internationalistische Perspektive die die russischen Genossen zu den drei zusammengefassten Parolen „Brot, Land, Frieden“ animierte. Das ist etwas anderes als „Lenin der vom deutschen Oberkommando bezahlt wurde“, wie es die dummen bürgerlichen Papageien sämtlicher Farben damals wiederholten (und darauf beharren, es heute weiterhin zu tun)! Wie bekannt ist, wurde der Vertrag von Brest-Litowsk am 3. März 1918 unterzeichnet, wenige Monate nach dem Sturm auf den Winterpalast, um das Massaker der Proletarier auf beiden Seiten an der Ostfront zu beenden. „Eine russische Angelegenheit“? „Eine Angelegenheit von 1917“? Nein, „Angelegenheiten“ die heute wieder im Zentrum der alltäglichen Arbeit der theoretischen Klärung und der Propaganda, Agitation, Überzeugung und Organisation der weltweiten kommunistischen Partei stehen müssen. „Krieg dem Kriege“, oder - besser noch - die „Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg für die Eroberung der Macht“ war für die russischen Genossen nichts Zufälliges: es war der Endpunkt der gesamten verdeckten und offenen Arbeit, im Kontakt mit der proletarischen Klasse, die sich um den revolutionären Defätismus drehte, einer Arbeit der Zersetzung des zaristischen Heeres, der Zerrüttung der Hierarchien, der Erschaffung von Soldatensowjets... eine Arbeit die man nicht improvisierte, wie alle Taktiken und Strategien des Kommunismus, sondern die von langer Hand vorbereitet wird und die - noch einmal - die Anwesenheit und die emsige sowie militante Intervention der revolutionären Partei voraussetzt. Bei Strafe der Katastrophe.

Der revolutionäre Defätismus ist in der Tat integraler Bestandteil der kommunistischen Strategie und er entwickelt sich in verschiedenen Bereichen und zu verschiedenen Zeiten und nicht nur während eines laufenden Krieges. Er setzt die Einsicht über den Klassencharakter des bürgerlichen Staates und aller seiner Äußerungen voraus sowie über die Notwendigkeit seiner Zerschlagung: Marx, Engels, Lenin und 1848, 1871, 1905 lehren es. Auf seine Weise bedeutet das eine lange und tiefschürfende Arbeit an der Seite unserer Klasse, um in diese das Bewusstsein darüber einzuführen, dass die nationale Wirtschaft kein Gemeinschaftsgut ist, das gerettet und verteidigt werden muss, an dessen Altar man seine eigenen Arbeits- und Lebensbedingungen opfert; und das daher die „höheren Bedürfnisse“ eine Falle sind, um das Proletariat einzufangen und es schließlich an Händen und Füßen gefesselt zur „Verteidigung des Vaterlandes“ zu schleppen, in einen Bruderkrieg gegen andere Proletarier. Die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg für die Ergreifung der Macht, der revolutionäre Defätismus in der Klassengesellschaft, sind zusammengefasst nur möglich, wenn sich erneut hinter dem Druck materieller Fakten und Dank der Intervention der revolutionären Partei ein Klassenantagonismus entwickelt, der jede Art von Ausgleich, von „heiligem Bund“, von Interessenidentität zwischen Kapital und Arbeit, ablehnt, und der sich eigene organisatorische Strukturen zur Verteidigung der Arbeits- und Lebensbedingungen im Territorium und jenseits der Beschränkungen des Arbeitsplatzes (oder der Arbeitslosigkeit) gibt.

Und revolutionärer Defätismus bedeutet Internationalismus. Es ist klar, dass die Weigerung, sich an die Seite des nationalen Kapitals in den alltäglichen Klassenkämpfen zu stellen, und dann an die Seite des „Vaterlandes in Gefahr“ in den Schlüsselphasen, die dann zum zwischenimperialistischen Konflikt führen, dass diese Weigerung eine internationale Vision und strategische Perspektive erfordert, ganz gleich, wie klar sie bereits den großen Massen des Proletariats ist. Und in der Tat wird durch die Verbreitung und Vertiefung des wirklichen Klassenkampfes - und zwar desjenigen, der aus den Zusammenstößen mit den Bossen, dem Staat und ihren politischen und gewerkschaftlichen Lakaien seine Kraft gewinnt und zugleich den breitesten gesellschaftlichen Antagonismus nährt – die klassenkämpferische und internationalistische Solidarität wiedergeboren und gestärkt. Auf der anderen Seite entwickelt sich der revolutionäre Prozess entweder international (nicht in dem dummen und banalen Sinn der „Gleichzeitigkeit“, aber in dem substantiellen der Perspektive) oder dieser Prozess riskiert auf sich zurückgeworfen zu werden und schließlich die Niederlage, aufgrund externer Faktoren genauso (Aggressionen vonseiten der Koalition bürgerlicher Staaten) wie aufgrund interner Faktoren (das Übergewicht konterrevolutionärer materieller Kräfte - ökonomischer und sozialer). Paris 1871 und Russland 1917 bestätigen das auf dramatische Weise.

Daher revolutionärer Defätismus und Internationalismus. Heute steht die Welt des Kapitals immer mehr in Flammen: es ist nicht nötig noch einmal die täglichen Massaker aufzulisten, die jeden Tag das Wehklagen und den Tadel der „guten Seelen“ hervorrufen, der Spießer aller Art. Sogar mehr: an allen Brandherden aus denen die Flammen hervorschießen, akkumuliert sich weiterer Sprengstoff - die Voraussetzungen für einen dritten Weltkrieg. Hier zeigt sich daher, dass die Erfahrungen und Lehren des Oktober 1917 aktueller sind denn je, weil wir da erneut hindurch müssen. Und wenn wir es nicht schaffen den Ausbruch des zwischenimperialistischen Weltkonfliktes zu verhindern, müssen wir dafür arbeiten ihn in einen Bürgerkrieg für die Eroberung der Macht umzuwandeln. Proletarier, seht euch vor: der Rand des Abgrunds kommt immer näher!

Die Notwendigkeit der Partei

Es ist an dieser Stelle überflüssig noch einmal hinzuzufügen, dass das alles die Notwendigkeit der revolutionären Partei deutlich macht, die einzige Kraft, die in der Lage ist, die Lehren des Oktober 1917 ins heute zu übersetzen, die auch die Synthese des enormen theoretischen und praktischen Erbes des Marxismus sind. Die Lehren gelten heute und morgen, aber nur unter der Bedingung, dass sie erneut stark gemacht werden, dass sich dasjenige politische Organ weltweit etabliert, ohne das das Proletariat, trotz ausgedehnter Kämpfe, zu denen es immer fähig ist, niemals die gegenwärtige Produktionsweise beenden kann. Und das ist die dringende und nicht aufschiebbare Aufgabe all derjenigen, die, aufgrund der monströsen Zerstörungskraft des Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase, nach dem Kommunismus verlangen: nicht als einen nostalgischen Slogan oder eine theoretische Proklamation oder ein existentielles Bedürfnis, sondern als eine generationenübergreifende Perspektive.

Nur unsere Partei, die jetzt seit über einem Jahrhundert, über Höhen und Tiefen der kommunistischen Bewegung hinweg, einen unerbittlichen und entschlossenen Kampf gegen jede Form des Revisionismus und Opportunismus geführt hat, die durch alle Manifestationen der gigantischsten und gnadenlosesten Konterrevolution gegangen ist, die sich jemals aufs Proletariat geworfen hat, kann diese Lektionen für die revolutionäre Strategie ziehen, die notwendig sind für den Sieg über unseren historischen Gegner: die Bourgeoisie. Nur wir, die wir von Anfang an und vor allem sofort als sich die ersten beunruhigenden Zeichen der zukünftigen Konterrevolution im Schoße der russischen Partei und der kommunistischen Internationale gezeigt haben, einen Kampf mit offenem Visier geführt haben, können den Oktober 1917 voll und ganz einfordern. Nicht wie einen Eintrag im Kalender vor dem man in frommer Ehrfurcht niederkniet, sondern wie einen Schlachtruf.

1 Von all unseren Arbeiten wollen wir hier nur wenigstens erinnern an Dialog mit Stalin (1952), Russia e rivoluzione nella teoria marxista (1954-55), Die ökonomische und gesellschaftliche Struktur des heutigen Russland” (1955-57), Bilanz einer Revolution (1967), “Warum Russland nicht sozialistisch ist” (1970).

2 Vgl. zumindest "Ansprache der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten vom März 1850".

3 Vgl. auch “Il bolscevismo, pianta di ogni clima”, Il Soviet, 23/2/1919 (in Storia della sinistra comunista, Edizioni Il programma comunista, 1992, S.343-344.

4 Vgl. Storia della sinistra comunista, Bd. III und IV, Edizioni il programma comunista, rispettivamente 1986 e 1997 (Bd. V wird in den kommenden Monaten zur Verfügung stehen). Vgl. auch unsere jüngste Broschüre La crisi del 1926 nel partito russo e nell’Internazionale Comunista (2016).

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